Die Autoversicherer schröpfen die Fahranfänger – die ausländische Konkurrenz läßt auf sich warten

Auch in dem grenzenlosen Europa hält sich in der Versicherungswirtschaft der Wettbewerb in engen Grenzen. So werden Führerscheinneulinge mit eigenem Auto vom kommenden Jahr an kräftig zur Kasse gebeten. In der obligatorischen Haftpflichtversicherung soll der Beitragssatz für Fahranfänger im ersten Jahr von derzeit 175 Prozent des Basistarifs auf über 200 Prozent steigen. Bei einigen Unternehmen ist sogar von 260 Prozent die Rede. Damit würde das erste Auto die Betroffenen pro Jahr rund 1000 Mark teurer kommen als bisher. Einer Studie des Huk-Verbandes zufolge wäre dies ein angemessenes Beitragsniveau, weil die Fahranfänger im ersten Jahr hinter dem Steuer enorm viele Unfälle verursachen.

Recht so, werden erfahrene Ritter der Landstraße sagen, die sich schon immer darüber ärgerten, daß sie mit ihren Versicherungsbeiträgen junge Asphaltrowdies subventionieren. Tatsächlich stellt die Studie der Autoversicherer den Fahranfängern und ihren Ausbildern ein schlechtes Zeugnis aus. Offenbar genügt es nicht, den Fahrschülern neben den Straßenverkehrsregeln beizubringen, wie man die Maschine „Auto“ bedient. Ebenso wichtig wäre es, das Verantwortungsgefühl der Fahrschüler stärker zu wecken. Schließlich geht es nicht nur um die Höhe der Versicherungsprämie, sondern um mehr Sicherheit für alle.

Doch selbst wenn die Fahrschulabsolventen künftig selbst für die von ihnen verursachten Schäden aufkommen – der Haftpflichtschutz für die übrigen Autofahrer dürfte kaum billiger werden. Allenfalls die notwendigen Beitragserhöhungen würden dadurch für alle anderen Autofahrer geringer ausfallen. Zwar sinkt die Unfallhäufigkeit gemessen an der Zahl der Autos auf unseren Straßen. Die Reparaturkosten der Unfallschäden aber, beteuert die Assekuranz, steigen seit Jahr und Tag wesentlich schneller als die übrigen Lebenshaltungskosten.

Auch dies ist ein chronisches Ärgernis: Beim technischen Fortschritt in der Autobranche ist seit dem legendären VW-Käfer die Reparaturfreundlichkeit der Fahrzeuge auf der Strecke geblieben. Jede bessere Kfz-Werkstatt gleicht heute eher einem High-Tech-Labor als einem Handwerksbetrieb. Und bei den Ersatzteilpreisen hat sich die neue Sparsamkeit der Autoproduzenten auch noch nicht niedergeschlagen. Im Gegenteil. Hier wittert die Branche noch fettere Pfründen: Um billige Nachahmer von Stoßstangen, Kotflügeln und Lichtmaschinen aus dem Markt zu drängen, fordert die Autoindustrie jetzt auch noch einen Designerschutz für Einzelteile. Damit hätte jeder Autohersteller ein Monopol für die Ersatzteile seiner Modelle und könnte deren Preise nach Belieben in die Höhe treiben – streng nach dem Motto: Bezahlt wird ohnehin meist von der Versicherung.

Daß die sich jetzt bei ihren Kunden schadlos halten wollen, ist ein weiteres Ärgernis. Im Wettbewerb des deregulierten europäischen Binnenmarktes, hieß es einst, werde die Assekuranz billiger werden müssen. Wie sich nun zeigt, hat die Branche das neue Regime rasch begriffen. Sie nutzt die Freiheiten des deregulierten Marktes zu Beitragserhöhungen, für die sie seit dem 1. Juli 1994 kein Aufsichtsamt mehr um Erlaubnis bitten muß. Andererseits sind die Unternehmen inzwischen sicher, daß sich ausländische Konkurrenz so bald nicht einstellt.

In jeder anderen Branche wäre eine so drastische Verteuerung der Produkte eine goldene Einladung an neue Wettbewerber. In der Versicherungswirtschaft ticken die Uhren jedoch anders. Hier gilt nach wie vor der Grundsatz: All business is local. Soll heißen: Die Verbraucher eines Landes versichern sich nicht bei Unternehmen eines anderen Landes; und diese wiederum scheuen die Investition zum Aufbau einer Vertriebsorganisation in einem neuen Markt.

Die Idee des europäischen Binnenmarktes ist deswegen nicht falsch. Sie läuft allerdings Gefahr, dadurch diskreditiert zu werden, daß einer Branche neue Freiheiten zugestanden wurden, während die disziplinierenden Wirkungen des grenzüberschreitenden Wettbewerbs noch lange auf sich warten lassen. Bis dahin werden die Verbraucher zur Kasse gebeten. Wolfgang Köhler