In einer belanglosen französischen Cartoonserie über die Zeit der Perestrojka sticht eine Geschichte durch tieferen Humor hervor: Ein alter Gulag-Veteran eilt in das KGB-Hauptquartier. Im Zeichen von Glasnost sind alle Akten freigegeben worden. Der Alte macht sich auf Berge von Denunzianten gefaßt, sieht sich schon als gefeierter Märtyrer, bekommt aber zu seinem Entsetzen nur einen Zettel ausgehändigt. Auf dem steht sein Name und die Bemerkung „Nervensäge“.

Als Nervensäge mögen die Bürokraten des Terrors auch den Satiriker Wladimir Woinowitsch eingeschätzt haben. Er nervte so sehr, daß die „Organe“ sich gezwungen sahen, „aktive Maßnahmen“ gegen ihn einzuleiten, wie es in ihrer papierenen Sprache hieß. Woinowitsch wurde von Schlägern überfallen, seine herzkranke Mutter in den Tod getrieben, seine Gäste wurden im Hausflur angepöbelt. 1980 warfen die Behörden den Nestbeschmutzer aus dem Land – nachdem sie versucht hatten, Woinowitsch mit vergifteten Zigaretten unschädlich zu machen.

Diesen nach James Bond duftenden „Zwischenfall im Metropol“ und die späten und vergeblichen Versuche, ihn restlos aufzuklären, schildert Woinowitsch in seiner gleichnamigen dokumentarischen Erzählung. 1975 wird der Autor von zwei KGB-Offizieren zu einem „Gespräch verwarnenden Charakters“ ins Hotel „Metropol“ gebeten. Einer der Herren jubelt ihm eine präparierte Zigarette unter. Woinowitsch hat danach monatelang Beschwerden.

Damals, in der UdSSR Breschnjews, hielten selbst einige Freunde Woinowitschs Giftversion für Phantasterei. Im Rußland Boris Jelzins ging es ihm wie dem Alten aus dem Comic: Trotz angeblicher Offenheit und eines Befehls des Präsidenten bekam Woinowitsch von den KGB-Nachlaßverwaltern zunächst nur einen Wisch ausgehändigt. Der erklärte ihm, die umfangreiche Aktensammlung (über zehn Bände) sei vernichtet worden. Doch die Nervensäge Woinowitsch bohrte weiter und fand heraus: Der damalige KGB-Chef und spätere Generalsekretär Jurij Andropow selbst hatte den Fall in der Hand, ausführendes Organ war die Forschungsabteilung des KGB, der Giftanschlag war als „wissenschaftliches Experiment“ angelegt worden. Die Tschekisten erforschten (und, so Woinowitsch, erforschen auch heute noch) „brain damage“-Drogen, um ihre Gegner unauffälliger kaltstellen zu können.

Woinowitsch warnt mit seinem Buch vor dem aus dem KGB hervorgegangenen, alt-neuen Sicherheitsdienst, in dessen Büros er noch die alten Portraits des „eisernen“ Geheimdienstgründers Felix Dserschinskij vorfand. Der in Deutschland lebende Schriftsteller schreibt, Gauck-Behörde und Amnestiedebatten im Hinterkopf: „Bevor man einem Verbrecher Barmherzigkeit erweist, muß man ihn haben. Doch er, obwohl allen bekannt, läuft frei herum und geizt nicht mit seiner Meinung über die allgemeine Schuld, die er gern gleichmäßig über alle verteilt.“

Doch mehr noch als die Täter interessiert Woinowitsch ihr liebstes Opfer: der einzelne, der sich nicht anpassen will und kann, der Abweichler aus Tölpelhaftigkeit oder Selbstbewußtsein. Der ist nicht nur unheldischer Held vieler seiner Romane, es ist immer wieder, und auch im „Metropol“, Woinowitsch selbst. Rituale, Demonstrationen, pathetische Bekenntnisse, ob sowjetisch oder antisowjetisch, sind ihm ein Greuel. Selbst die Teilnahme an Puschkin-Jubileen bereite ihm Mißvergnügen, bekennt er. Seine Antwort auf die große Geste ist der Spott. Ins Groteske verzerrt, nahm er in seinem letzten Roman, „Moskau 2042“, die wohlinszenierte Rückkehr Solschenizyns erstaunlich treffend vorweg. Doch Woinowitsch selbst kommentiert sein Verhältnis zu dem publicitybewußten Nobelpreisträger realistisch: „Die großen Menschen lachen immer zuletzt und am besten, ihre Aussprüche werden ungeachtet der Reaktionen nicht ganz so großer Spötter dennoch verewigt...“

Gregor Kursell