Von Hansjörg Graf

Jetzt ist es Zeit, die Erde den Termiten zu überlassen. Zeit, nach rückwärts zu fliehen und in Etappen die verflossene Zeit hinauf zu wandern.“ Jean-Marie Gustave Le Clézio schreibt diese Sätze in seinem erstmals 1963 erschienenen Roman „Das Protokoll“. Der Tenor seiner Botschaft ist ein Programm: In einer Welt, die – wenn nicht alle Anzeichen trügen – sich dem kollektiven Selbstmord verschrieben hat, ist die Gegenwart zum Alptraum geworden. Jetzt gilt es, verschüttete Quellen aufzusuchen. Von Flucht ist die Rede, aber auch von einer Wanderung, deren Route das Ziel bedeutet. Le Clézios „Goldsucher“ (so hieß sein Roman aus dem Jahr 1985) ziehen die Realität des Traumes einer Wirklichkeit vor, die ihnen als synthetisch und irrelevant erscheinen muß.

Der „Anachronismus“ dieser Literatur – Le Clézio hat mehr als zwanzig Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays veröffentlicht – hat ein künstlerisches Pendant in den Bildern des „Zöllners“ Henri Rousseau und Paul Gauguins: Die Suche nach dem verlorenen Paradies führt in die Abgeschiedenheit von Territorien, die der Zivilisationsrausch des Westens noch nicht berührt hat. Das Erlebnis der Landschaft als einer Wahrnehmung von Stille, Leere und Weite vermittelt eine „Reise zu einer höheren Existenzebene, zu einer Art Einklang mit der Natur, die auf der Abwesenheit des Denkens beruht“ (Paul Theroux). Der Überdruß am säkularisierten Abendland stimuliert zu Wallfahrten in die Wildnis. Ich denke dabei ebenso an Rimbauds abessinische Hochebene von Harar wie an Gauguins Tahiti; auch Antonin Artauds Reisen nach Mexiko und Irland haben das Ziel, neue Dimensionen der Welterfahrung zu erobern. „Wer denkt noch daran, die Götter zu spüren und den Ort der Götter aufzusuchen. Ihren Ort aufsuchen, heißt ihre Kraft aufsuchen und sich die Kraft eines Gottes beilegen.“

Artauds Reisemotiv – ist es nicht das Motiv aller Pilgerreisen? – verbindet auch Le Clézios großen Essay „Der mexikanische Traum“ mit dem Roman „Onitsha“. Wenn der aus einer jahrhundertelang auf Mauritius ansässigen Familie stammende Le Clézio feststellt, daß es schwierig sei, „Kunst zu machen, wenn man gleichzeitig auf Wissenschaft zielt“, spricht er damit das Dilemma einer Personalunion von scheinbar gegensätzlichen, aber de facto eng verwandten Disziplinen an: Ethnographie und Dichtung erweisen sich als ein gelegentlich streitsüchtiges, aber doch am selben Strang ziehendes Geschwisterpaar; schließlich schöpfen sie aus derselben Quelle.

Le Clézio erinnert an eine „magische Kultur“ von globalen Ausmaßen. Sie reicht vom Patagonien des Naturforschers und Romanciers William Henry Hudson („Idle Days in Patagonia“, 1893) bis zum Australien der Aborigines (Bruce Chatwin, „Traumpfade“, 1987). Le Clézio findet sie bei den Tarahumara von Nordmexiko ebenso wie bei den westafrikanischen Yoruba.

In „Onitsha“ greift er auf persönliche Kindheitseindrücke im Umkreis des Niger zurück. Träume korrigieren die biographisch verbürgte Wirklichkeit. In einer Gegenbewegung sorgen die politischen und gesellschaftlichen Realitäten für eine Zerstörung dieser Träume. So bleibt Afrika für Geoffroy Allen, seine aus Fiesole stammende Frau Maou und den zwölfjährigen Sohn Fintan – er ist der heimliche Held des Romans – eine Episode: das Mittelstück einer Komposition, die sich aus Aufbruch, Aufenthalt und Rückkehr zusammensetzt. Die Symbiose der angloitalienischen Familie mit den Menschen und der Landschaft von Nigeria bildet den Rahmen einer Handlung, die sich in der letzten Phase der britischen Kolonialherrschaft auf afrikanischem Boden abspielt.

Geoffroys „fieberhafter Wunsch zu reisen“ orientiert sich an Sagen und Mythen: „Nur davon sprach er, vom letzten Königreich am Nil, von der schwarzen Königin, die die Wüste bis tief ins Herz Afrikas durchquert hatte.“ Eine Exkursion in den Norden Nigerias zur Orakelstätte von Aro Chuku führt Geoffroy in die unmittelbare Nähe jenes Ortes, wo die Königin und ihr Volk die Wanderung beendet hatten; hier glaubt der Pilger sich „ganz nah am Ursprung aller Reisen“; hier erkrankt er aber auch an der schwärzen Malaria; wo er „neues Leben“ erhofft, holt er sich den Tod.