Von Gabriele Killert

Tyrannen in spe haben horrende Preise, als wüßten sie bereits, daß sie der Menschheit noch einmal teuer zu stehen kommen. Zehn Dollar pro Wort verlangte Adolf Hitler Anfang der zwanziger Jahre, als er noch ein kleiner Schirinowskij war, für ein Interview, das Djuna Barnes im Auftrag einer New Yorker Zeitung mit ihm in München führen sollte. Es wurde nichts draus. Schirinowskis Tarife im heutigen Moskau liegen etwas günstiger. 300 Dollar für drei Minuten nennt sein Adjudant "als Sonderangebot". Die Schriftstellerin aus Berlin, die auch gelegentlich Reportagen für den New Yorker und renommierte deutsche Zeitungen schreibt, beweist Nervenstärke und bietet statt dessen ein Schlemmeressen in der Parlamentskantine. Hier hat der Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei eigentlich Hausverbot wegen einer Schlägerei, die er mit Tischnachbarn angezettelt hatte, aber der Geschäftsführer läßt sich von der Dolmetscherin überreden.

Das erste, was der "Besucherin" aus Berlin auffällt an dem Mann, den in einer großen vaterländischen Amnesie immerhin zwanzig Millionen wählten (so viele, wie durch den Hitlerfaschismus umkamen), ist seine Farblosigkeit. Er sieht nach nichts aus, Stimme und Augen sind ausdruckslos. Und er riecht auch nach nichts. Nur sein Geist hat gleichsam Mundgeruch. Beim großen Fressen renommiert und schäkert Schirinowskij mit seinem belustigten Gefolge, teilt hier ein Löffelchen Kaviar aus und dort, wie ein echter goldkettchenbehängter Pate, nur daß die Gottis und Gambinos in New York inzwischen einsitzen, während dieser hier als bläßliche Reinkarnation des großen deutschen Diktators (wie Chaplin ihn sah) frei herumläuft und die Wiedergeburt der Tragödie als perverse Geschichtsträvestie betreibt. "Die Amerikaner und Zionisten" sind Rußlands und auch Deutschlands größtes Problem. Mit ihnen will er aufräumen, wenn er an der Macht ist. "Die Besucherin unterbricht. ihn: ‚Dann bin ich wohl Deutschlands größtes Problem. Ich bin Amerikanerin und nach Ihren Maßstäben Zionistin, und ich lebe in Deutschland.‘ ‚Aha‘, sagt Wladimir. ‚Dann machen Sie also den ganzen Ärger.‘"

Irene Dische schrieb ihr "Mittagessen mit Wladimir" im Frühjahr dieses Jahres für die ZEIT (Nr. 11/94) auf. Jetzt kann man die Reportage in ihrem neuen Erzählband mit insgesamt neunzehn wahren und erfundenen Geschichten aus den letzten anderthalb Jahrzehnten (darunter sechs Erstveröffentlichungen) nachlesen.

"Wahre Geschichten", damit soll wohl angedeutet werden: Eine Figur wie Schirinowskij kann niemand erfinden. Geschichten müssen, um einem einzufallen, wahrscheinlich sein. Die Geschichte ist oft grob unwahrscheinlich und unvorstellbar. Niemand konnte und kann sich jemals den Holocaust vorstellen. Am ehesten vielleicht noch die, die ihn schamlos leugnen. Die neue Schamlosigkeit (was wird nicht alles geleugnet) ist eine Folge der neuen Unübersichtlichkeit, die Habermas lange vor der Wende ortete.

Die Welt ist aus den Fugen, Völker schieben sich wie Lavaströme über die Grenzen, die alten Blöcke sind zerfallen. Erich Honecker ist tatsächlich gestorben, auch wenn das im Moabiter Gerichtssaal noch vor kurzem niemand für möglich gehalten hätte. Hier war Irene Dische nicht als reguläre "Besucherin", sondern als geheime Spionin und Chronistin für die ahnungslose Nachwelt (und den New Yorker) tätig, eingeschleust durch einen der Honecker-Verteidiger, ihren Ehemann.

Es ist "Der zehnte Tag" der Verhandlung. Immer wieder studieren die drei Richter und die Anklagevertreter im "schmierigen, senfgelben Licht" des Gerichtssaals die jüngsten Tomographien der Generalsekretärsleber. Sie wollen und können es nicht fassen, daß der unmäßig wuchernde Tumor so unfair sein sollte, den "fairen Prozeß", den man dem Angeklagten machen will, zu kippen. Nach langen, hitzig geführten Debatten beschließen sie dann, daß einem Tumor dieses Recht nicht zusteht und der Kranke vorläufig satisfaktionsfähig bleibt.