Von Stefan Merx

Der stahlglänzende Automat sieht eher aus wie ein vollverkleideter Heuwender. Doch heraus kommen, versichert der Firmenprospekt, „begehrenswerte, knusprig frische Qualitätswaffeln“. Bis zu 350 Kilogramm Begehrenswertes je Stunde produziert die Maschine, ganz nach Geschmack mit Creme gefüllt oder Schokolade überzogen – eben „unter Berücksichtigung aktueller Verzehrgewohnheiten“. Im Backlabor der Radebeuler Rapido Waagen- und Maschinenfabrik GmbH tüfteln die Experten neuerdings sogar an einem Keks mit Gelenk aus Rübenfasern. Heutzutage müsse man sich eben allerhand eßbare Spielereien einfallen lassen, sagt Geschäftsführer Thomas Köblitz.

Als die Rapido noch dem Volk und zum DDR-Lebensmittelkombinat Nagema gehörte, war Radebeul der Nabel der Waffelwelt – auch ohne Keks-Gelenke. Seit 1898 steht der Traditionsbetrieb vor den Toren Dresdens vor allem für schlichte und robuste Technik. Rapido-Kunden finden sich in mehr als vierzig Ländern der Erde. Keiner der vier Konkurrenten auf dem Weltmarkt habe mehr Anlagen verkauft, sagt Köblitz. Allein in der GUS backen über 1500 Automaten unverwüstlich vor sich hin, zum Teil rotieren dieselben Backzangen seit gut dreißig Jahren um die Gasflammen. „Früher“, so Köblitz, „wurde hier auf Teufel komm raus mit allen Mann produziert.“ Bis zu fünfzehn Prozent des Weltmarktes bediente die Radebeuler Firma zu DDR-Zeiten.

Nach der Wende wurde die Rapido jedoch zunächst zu einem Sorgenkind der Treuhand. Bedingt durch den Zusammenbruch der osteuropäischen Abnehmer, verlor die Firma ihre Vormachtstellung auf dem Spezialmarkt. Der Umsatz fiel rapide von über 29 Millionen Mark 1991 auf rund 6 Millionen in den beiden folgenden Jahren. Und ein regelrechtes Kriminalstück wäre der Rapido beinahe zum Verhängnis geworden. Ausgangspunkt der unsauberen Machenschaften der damaligen Geschäftsleitung war ein Barter-Geschäft mit der GUS. Als der Handel – Waffelmaschinen gegen Erdöl – 1992 wegen fehlender Hermes-Deckung platzte, saß die Rapido überraschend auf einer gesamten Jahresproduktion Backstraßen. 219 Holzkisten standen auf dem Hof. Darin seefest verpackt: verkaufsfertige Maschinen im Wert von über zwölf Millionen Mark, mit Kieselgel-Säckchen sogar gegen Feuchtigkeit gewappnet.

„Natürlich hätte man die auch anderweitig gut verkaufen können, der Markt war da“, sagt der jetzige Rapido-Chef Köblitz, doch sein Vorgänger Hans-Dieter Warkus deklarierte die Anlagen kurzerhand zu Schrott, ließ sie bilanziell abwerten und bestellte im Juni vergangenen Jahres den „Sauberen Sachsen“, einen Schrotthändler, zum Abtransport. Auf 130 Tiefladern rollte das Werk eines Jahres zum Schrottpreis von 33 235 Mark vom Hof. Stutzig wurden die an der „Verschrottung“ beteiligten Rapido-Mitarbeiter bereits darüber, daß sie die Kisten „wie rohe Eier“ behandeln sollten. Der Schrotthändler bekam von Warkus überdies auf den Weg, daß er sich um einen Käufer nicht zu kümmern brauche. Bereits am folgenden Tag gehörten die Anlagen der Orlimex, der damaligen Dolmetscher-Firma der Rapido. Die Orlimex lagerte die heiße Ware in einem brandenburgischen Dorf zwischen und verkaufte sie von dort aus Zug um Zug in die Welt – freilich zu einem Vielfachen des Schrottwertes.

Als der Treuhandanstalt zu Ohren kam, daß die angeblich verschrotteten Anlagen zum Teil wieder am Markt auftauchten, beauftragte sie einen Detektiv, die Kisten aufzuspüren. Anfang dieses Jahres wurde er fündig. Die Treuhand kündigte Warkus und erstattete gegen ihn und zwei weitere leitende Mitarbeiter Anzeige wegen Veruntreuung. Während die Ermittlungen zum Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft Chemnitz noch laufen, ging für die neue Rapido-Geschäftsführung das Kapitel günstig aus. Im Oktober erhielt sie das Eigentum an den 170 verbliebenen Maschinen in einem außergerichtlichen Vergleich mit der Orlimex zurück. Obendrein gab es für die verkauften Anlagen einen sechsstelligen Betrag als Entschädigung. Die gut erhaltene Kistenware wird nun generalüberholt und soll zügig verkauft werden. „Wir wollen schnell raus aus dieser Geschichte“, sagt der kaufmännische Leiter Ludwig Greimel. Er rechnet mit „acht bis zwölf Millionen Mark Erlös, die ‚Aktion Abverkauf läuft hervorragend“.

Das Erfolgserlebnis kann die Rapido gut gebrauchen, denn der Skandal hat dem Ruf erheblich geschadet. Es war wohl ein Konkurrent, vermutet Greimel, der obendrein Zeitungsartikel über den Krimi übersetzt und – anonym – an potentielle russische Kundschaft verschickt hat. Zusätzlich gelitten hat der Markenname Rapido durch „den Treppenwitz der ganzen Angelegenheit“, wie Köblitz es nennt. Wegen eines – für Fachleute leicht zu behebenden – Fehlers in der Steuerungssoftware waren nämlich einige der „verschrotteten“ Maschinen gar nicht ohne weiteres in Betrieb zu nehmen. Ein Düsseldorfer Gebrauchtmaschinenhändler etwa „plagte sich über ein Jahr lang, eine Anlage anzuwerfen, die er aus dem Schrottbestand in ein jordanisches Dorf weiterverkauft hatte“, erzählt Greimel. Keine Werbung für Rapido, deren Firmenlogo auf der Maschine prangte.