ALT-METELN. – Auf der grünen Wiese steht – für ein Dorf etwa so ungewöhnlich wie eine Kuh im Großstadtstau – ein Ausstellungshaus mit Klavieren, Cembali und Flügel, und das nicht etwa weil die Alt-Metelner musikalischer als andere Dorfbewohner wären, sondern weil Klavierbauer Matthias Kunze seit langem hier lebt: „Ich habe es praktisch am Telephon gebaut. Ich meine, ich habe den Architekten beauftragt, eins, zwei, drei stand es da.“ Im Mai 1992 war die Eröffnung.

Von Alt-Meteln aus stimmte Kunze früher die Klaviere des Konservatoriums im fünfzehn Kilometer entfernten Schwerin, machte sich selbständig und war zu DDR-Zeiten der einzige, der Klavier-Hammerköpfe mit Filz überzog. Als die DDR sich ihrem Ende näherte, ahnte Kunze, daß es mit dem Hammerkopf-Monopol bald vorbei sein würde.

Nach Öffnung der Mauer fuhr er zu Steinway nach Hamburg und bekam die erste Vertretung für Ostdeutschland. Schon im Mai 1990 transportierte er einen Steinway-Flügel für Justus Frantz von Hamburg nach Schwerin, wo das Schleswig-Holstein Musikfestival gastierte. Als Frantz beim ersten Besuch des Festivals in der DDR war, 1988, hatte Kunze ihm schon das Klavier gestimmt: „War mein erstes Honorar in D-Mark“, erinnert sich der 42jährige, der mit Dreitagebart, im Nacken zusammengebundenen dunklen Haaren, Jeans und schwarzer Jacke Zugehörigkeit zu schöpferischem Metier demonstriert. Einer seiner Urgroßväter war Wiener Stadtmusikant, verheiratet mit einer Zigeunerin: „Daher wohl meine Musikalität.“

Er wäre gern Musiker geworden, aber der Vater, einer der wenigen selbständigen Rechtsanwälte der DDR, schickte seine Kinder zur Konfirmation statt zur Jugendweihe, weshalb sie kein Abitur machen durften. Matthias lernte beim VEB Piano-Bau Leipzig Klavierbau, bei einem Salzwedeler, wie man Klaviere stimmt. Er heiratete, arbeitete beim Landestheater Dessau. Die chronische Bronchitis seiner Tochter Nadine ließ ihn aus der Nähe von Bitterfeld und Wolfen wegziehen, ins bekömmlichere Schwerin, wenig später nach Alt-Meteln. 1982 beantragte er eine Gewerbegenehmigung, vergeblich. Als sie ihm drei Jahre später wieder verweigert wurde, stellte er einen Ausreiseantrag. „Darauf haben sie sie mir ins Haus gebracht.“

Ein alter Leipziger Hammerkopfmacher vermachte ihm – was eigentlich nicht erlaubt war – seine Maschinen. „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion habe ich sie aus Leipzig geholt, ein Jahr lang in der Scheune versteckt.“ Und der Filz? „Der Vater eines Freundes arbeitete in einer Fischräucherei. Dem habe ich gesagt: Ich brauche Räucherfisch, ich muß Sachsen bestechen. Der Räucherfisch war das Sesam-öffne-Dich für Filz aus Würzen.“

Auch der Werkstatt-Anbau ans Wohnhaus war made in DDR: „Mitten in der Nacht bin ich mit dem Anhänger vor die Baustoffhandlung gefahren, habe im Auto vor der Tür geschlafen, damit ich morgens der erste bin, der Steine kriegt oder Zement.“ In der Werkstatt hat er Klaviere repariert: „Das Material kam von der Westverwandtschaft, von einer Oma mitgebracht. Es gab kaum Klaviere in der DDR zu kaufen, obwohl genug hergestellt wurden. Die wurden für 500 D-Mark an den Westen verscherbelt, wo sie dann für 3000 Mark bis 4000 Mark angeboten wurden.“

Ende 1989 schien alles anders zu werden, doch erst mal kam das große Loch: „Die Leute hatten nur Aldi, Audi und Teneriffa im Kopf.“ Und heute? „Früher hatte man ein Klavier und zwanzig Käufer, heute ist es umgekehrt.“ Als Klavierstimmer kann er auf den Kundenkreis von früher zurückgreifen, darunter Musikschulen und Theater. Doch die Konkurrenz ist groß: „Die Klavierbau-Betriebe gehen ein, oder sie schrumpfen von 2000 auf 200 Angestellte. Arbeitslose Klavierbauer stimmen für weniger als die Hälfte von dem, was ich nehme.“