Von Christiane Peitz

Die Gegend ist trostlos. Wer eines der grauen Häuser betritt, gerät zuerst in einen düsteren Treppenaufgang mit Lastenaufzug. Nicht einmal Hunde streunen herum. Auf der Straße liegt ein Mann auf dem Boden wie ein Käfer und rührt sich nicht. Eine Frau biegt um die Ecke, kommt näher, schaut um sich, schubst den Mann mit der Schuhspitze und läuft wieder weg. Dann schlägt der Mann die Augen auf und weiß nicht, wer er ist.

Als der Regisseur Hal Hartley 32 Jahre alt ist, reist er auf Promotion-Tour durch Europa. Er ist müde und flüchtet nach Amsterdam, in ein Hotelzimmer, das er zwei Tage lang nicht verläßt. Danach besucht er das Van-Gogh-Museum, geht in ein Café und betrinkt sich. Da kommt ihm ein Bild in den Sinn, das Bild von dem Mann, der auf der Straße liegt, aufwacht und sein Gedächtnis verloren hat. Das müßte die vollkommene Freiheit sein, denkt sich der Filmemacher, Freiheit von jeder Vergangenheit und Verantwortung. So ohne Geschichte müßte man noch einmal von vorn anfangen können. Wieder nüchtern, bemerkt er, wie kindisch dieser Wunsch ist, macht einen Film daraus und nennt ihn "Amateur". Das heißt Anfänger, aber auch Liebhaber. Darin wird der Held, der nicht weiß, wer er ist, von seiner Vergangenheit eingeholt.

"Vorsicht vor Männern mit Geschichte", hatte in Hal Hartleys erstem Film "Verdacht auf Liebe" eine Frau die junge Heldin gewarnt. Auch vor dem Mann ohne Geschichte warnt in "Amateur" eine Frau eine andere. Der Mann heißt Thomas, das ist in der Bibel der Zweifler: der Apostel, der nur glaubt, war er sieht. Und die Frau heißt Sofia, das heißt, sie weiß, wer Thomas ist, und sagt es ihm nicht.

In Hal Hartleys Kino könnten alle so heißen: Thomas und Sofia. Zweifler und Wissende. Zum Beispiel in den Kurzfilmen. Darin sagen’ die Frauen: Heirate mich! und schreiben Romane. Die Männer handeln Deals aus, spielen E-Gitarre, prügeln sich und antworten "vielleicht" oder "möglich". Sie laufen mit Büchern herum, machen Krisen durch, suchen eine Wohnung, zitieren Dostojewski, Freud oder sich selbst. Sie diskutieren über Vertrauen und Schmerz, Sehnsucht und Erfahrung, sie staunen über die Wörter, und die Wörter klingen wie Slogans. Sie gefallen sich in ihren Attitüden und mißtrauen ihnen zutiefst. Sie frönen der Kunst, sehnen sich nach dem Leben und scheitern daran. In "Surviving Desire" schreibt der Lehrer an die Tafel, Wissen sei nicht genug, und gibt seinen Beruf auf. Manchmal fallen in Hal Hartleys Filmen die Menschen einfach um und kommen nicht mehr hoch. Es sei sein größter Wunsch, sagt einer in "Theory of Achievement", schöne zeitlose Liebeslieder zu schreiben, aber er könne nicht singen und sei unmusikalisch.

Man müßte ganz von vorn anfangen. In "Amateur" haben die Helden schon ein Leben hinter sich. Isabelle Huppert sitzt vor ihrem Laptop und dichtet an einem Porno, mit einer Zigarette zwischen den halboffenen Lippen. Ein Kunststück, daß sie ihr nicht aus dem Mund fällt. Thomas betritt die Kneipe, Isabelle spendiert ihm was zu essen und eine Zigarette. Sie selbst ißt nie. Er weiß nicht, ob er rauchen kann.

Früher war Isabelle eine Nonne. Bei ihr zu Hause an der Wand hängt Jesus mit flammendem Herzen. Die Jungfrau Maria ist ihr dreimal erschienen und hat sie zur Nymphomanin erklärt, dabei war sie noch nie mit einem Mann zusammen. Sie hat ein Date im Pornokino und flieht. Sie sitzt auf einem Sofa unter dem Gemälde eines weiblichen Aktes und liest dem Agenten ihren Text vor, der ihr mit Bedauern erklärt, daß sie keinen Porno geschrieben hat, sondern Poesie. Anschließend philosophiert er über seine wahre Berufung zum Enthüllungsjournalisten. Auch die anderen sind ernst und zerstreut, wie Thomas aus dem Leben gefallen und in den falschen Film geraten. Das führt zu Kollisionen. Die Menschen stoßen frontal zusammen und haben doch größte Mühe, einander zu begegnen. Die Gesichter im Hintergrund bleiben unscharf.