Von Erwin Lausch

Todesmatt schwamm der Wal seine letzten Züge, dann sank sein massiger Körper auf den schlammigen Grund. Bald umkreisten Haie den Kadaver und rissen große Fetzen heraus. Was die Haie übrigließen, nährte zahlreiche knapp tischtennisballgroße Schnecken mit flachen Gehäusespitzen. Die abgenagten Knochen aber überdauerten. Feine Sedimentteilchen schwebten auf sie nieder und betteten sie allmählich völlig ein.

Zehn Millionen Jahre später kamen die Überreste des sechs Meter langen Bartenwals zutage. Mitsamt zahlreichen Schnecken, die das Festmahl nicht überlebt, und Zähnen, die sich die Haie an ihrer Beute ausgebissen hatten, wurden sie in einer Kiesgrube rund vierzig Kilometer südlich von Lübeck ausgegraben und schmücken dort inzwischen das Naturhistorische Museum.

Doch dieser Wal aus einer Zeit, da ein Ausläufer der Deutschen Bucht bis nach Brandenburg reichte und Haie sich bei subtropischem Klima in der Nordsee wohl fühlten, war nur der erste in einer Reihe größerer Entdeckungen. Seit 1984 in der Kiesgrube Ohle bei Groß Pampau der seltene Fund zum Vorschein kam, wurden dort noch zwei weitaus größere Bartenwale, außerdem ein Hai und ein Delphin ausgegraben. Dazu kommen Teile von Delphinen, Fischwirbel, Seeigel, Schildkrötenreste und Unmengen von Muscheln und Schnecken – 230 Arten wurden bisher nachgewiesen. Zwei erst in diesem Jahr entdeckte große Bartenwale harren noch der Freilegung. Dabei konnte bislang nur ein kleiner Bereich des fundträchtigen Gebietes untersucht werden.

Als die ersten Walknochen in Groß Pampau auftauchten, war niemand auf den paläontologischen Glücksfall vorbereitet. Die Grube wurde zwar, wie viele andere Kiesgruben auch, immer wieder von Geschiebesammlern durchstreift. Doch die waren auf Relikte der Eiszeit aus. Geschiebe sind Gesteinsbrocken, die das Eis bei seinen Vorstößen aus dem Norden nach Mitteleuropa gebracht und nach dem Abtauen zurückgelassen hat. Kiesgruben sind das Eldorado von Geschiebesammlern, weil die Bagger aus den eiszeitlichen Ablagerungen ständig neues Material zutage fördern.

Schließlich war in einem Teil der Grube der Abbau so weit fortgeschritten, daß unter dem von Schmelzwässern aufgeschütteten Kies schwarzgrauer Ton zum Vorschein kam. Dieser Ton, wegen der darin enthaltenen glitzernden Glimmerplättchen Glimmerton genannt, hat sich lange vor dem Eiszeitalter in dreißig bis fünfzig Meter Wassertiefe abgesetzt. Zwischen etwa fünfzehn und zehn Millionen Jahren vor unserer Zeitrechnung sind in Groß Pampau, wie Bohrungen ergaben, über vierzig Meter Glimmerton abgelagert worden.

1984 entdeckten zwei Geschiebesammler aus Lübeck im frisch angeschnittenen Ton Knochenteile. "Vermutlich Bruchstücke einer Walrippe", befand der Leiter der Lübecker Gruppe, Gerhard Höpfner, der sich erinnert: "Wir haben ganz schnell gehandelt. Hätten wir nicht schon am nächsten Tag gesucht und auch einige weitere Teile gefunden, wäre alles gleich wieder zugeschüttet worden."