SCHRAMBERG. – Vier Jahre ist die Drohung alt, und in Schramberg war sie längst vergessen. Jetzt aber hat Bernd Reichert (CDU) das Buch doch noch veröffentlicht, in dem er seine Amtszeit als Oberbürgermeister der schwäbischen Kleinstadt verarbeitet. Und der 53jährige Jurist erweist sich als indiskrete Plaudertasche und übertrifft die schlimmsten Befürchtungen: Er kolportiert die angebliche Affäre zwischen zwei verheirateten Mitgliedern des Gemeinderats, schwätzt über die Depressionen einer Stadträtin und die Alkoholprobleme von Verhandlungspartnern, er offenbart Interna aus Verwaltung und Gemeinderat. Mit „Schramberger Gezeiten – Erinnerungen eines Oberbürgermeisters an die Jahre 1982 bis 1990“ vergrault Bernd Reichert seine letzten Freunde; und das waren nicht mehr viele im Schwarzwaldstädtchen.

Der einstige Rathauschef hat seine Niederlage immer noch nicht verschmerzt. Die 20 000 Einwohner, die überwiegend katholisch und konservativ sind, wählten im September 1990 den SPD-Fraktionssprecher Herbert Zinell an seiner Stelle zum Oberbürgermeister. Noch in der Nacht seines schwärzesten Tages packte Reichert die Koffer und flüchtete in seine badische Heimatstadt Bühl. Heute arbeitet er dort als Jurist für eine Sozietät und macht wieder Politik: als CDU-Gemeinderat.

Bei seinen Enthüllungen über die kleinstädtischen Honoratioren läßt Bernd Reichert sämtliche Hemmungen fallen. Tiefschläge statt Tiefsinn. Der SPD-Sprecher sei ein „verkrachter Theologe“. Ein FDP-Stadtrat, im Hauptberuf Zahnarzt, „hielt sich wohl für einen ‚besseren Herrn’.“ Außerdem erzähle man, „daß er seine Zahnarzthelferinnen rigide behandelte“. Dem noch amtierenden Stadtplanungschef wirft er vor, er habe wenig Talent, seine Mitarbeiter zu führen, wodurch er zum „Problemfall“ geworden sei. Und der Sozialamtsleiter habe vor ihm „gebuckelt“.

Sein Amtsnachfolger Herbert Zinell sei „der Prototyp eines Aufsteigers“. Dessen Frau, eine Grundschullehrerin, sei „unbedarft“ und „naiv“, Es gebe das Gerücht, sie benachteilige Schüler, „wenn die Eltern wohlhabend waren.“

Bei seinem Rachefeldzug findet Reichert auch Opfer außerhalb des Rathauses. Der sozial engagierten 75jährigen „Stadtmutter“ attestiert er „Eitelkeit“, und ein Industrieller „fühlte sich als König von Schramberg, ... von dem viele abhängig waren“. Der Direktor des Gymnasiums sei „mit einer großen, ideologischen Begabung ausgestattet, aber hat beständig mit dem pingeligen Dorfschullehrer in sich zu kämpfen“.

Daß die trockene Verwaltungsarbeit auch feucht-fröhliche Erlebnisse mit sich bringt, beweist das Kapitel über den Besuch einer Delegation aus der sächsischen Partnerstadt Glashütte: „Dabei war auch die Redakteurin einer Betriebszeitung aus Glashütte, die den heimlichen Mittelpunkt der Runde bildete, denn sie war eine recht attraktive junge Frau. Immer wieder wanderten die Blicke der Männer auf ihre Beine: Sie trug Netzstrümpfe und einen Minirock, der im Laufe des Abends immer kürzer zu werden schien. Zu meinem Bedauern wurden dadurch aber nicht nur ihre Beine in voller Schönheit sichtbar, sondern auch die schlechte Qualität ihrer Netzstrümpfe.“ Reicherts Fazit: „Es war ein lustiger Abend.“

Der Rundumschlag im Stile eines Erlebnisaufsatzes ruft bei den Schrambergern unterschiedliche Reaktionen hervor, am häufigsten sind Schenkelklopfen und Kopfschütteln.

Der Autor kann die Aufregung nicht verstehen: „Aus meiner Sicht ist das Buch milde abgefaßt.“ Daß die eigenen Pleiten und Pannen in Bernd Reicherts Resümee überhaupt nicht vorkommen, hat einen praktischen Grund: „Es ist nicht meine Aufgabe, in meinem Buch von meinen Fehlern zu reden.“ Uwe Mauch