Von Ulrich Greiner

Der Fall Hans Henny Jahnn harrt der Entscheidung. Wenn die literarische Nachwelt die Schiedsrichterin über den Rang eines Werks ist, dann hat sie ihr Urteil noch gar nicht gefällt. Denn der Bannkreis aus Unkenntnis und Mißachtung, der Jahnns Werk umgibt, ist noch immer nicht durchbrochen. Während andere Autoren dieses Ranges längst dem geistigen Erbe zugeschlagen sind und zum Lern- und Lesestoff zählen, ist der 1959 gestorbene Hans Henny Jahnn ein Außenseiter geblieben, von einigen verehrt, von einigen angefeindet, von den meisten aber nicht gekannt.

Das zu ändern wäre der 100. Geburtstag des Schriftstellers und Orgelbauers am 17. Dezember Anlaß genug. Die Zumutung jedoch, die sein Werk bedeutet, und die Widerstände, die es provoziert, sind auch durch den zeitlichen Abstand kaum geringer geworden. Sicherlich: Das Vorurteil gegen Homosexualität ist nicht mehr so stark (oder es traut sich weniger hervor); Jahnns Kampf gegen atomare Aufrüstung und Kalten Krieg sichert ihm einen Ehrenplatz in der politischen Publizistik der fünfziger Jahre; seine Kritik der Tierversuche könnte ihm sogar die Zuneigung von Zeitgenossen eintragen, die ihn noch gar nicht kennen; seine Verdienste als Orgelbauer sind jüngst wieder durch die Renovierung der Orgel in der Hamburger Heinrich-Hertz-Schule hörbar gemacht worden.

All das bedeutet nicht viel. Das literarische Werk, vor allem die beiden großen Romane "Perrudja" und "Fluß ohne Ufer", stellt sich selbst dem geneigten Leser in einer Weise quer, die Robert Musil einmal beschrieben hat. Nur ganz schlechte Romane, so bemerkte er 1926, könne er rasch und bis ans Ende lesen. "Wenn ein Buch aber wirklich eine Dichtung ist, kommt man selten über die Hälfte; mit der Länge des Gelesenen wächst in steigenden Potenzen ein bis heute unaufgeklärter Widerstand. Es ist nicht anders, als ob die Pforte, durch die ein Buch eintreten soll, sich krampfhaft gereizt fühlte und eng verschließen würde." Man glaube sich, sagt Musil, einer Operation unterworfen: "Man fühlt, jetzt wird ein Nürnberger Trichter an den Kopf gesetzt, und ein fremdes Individuum versucht, seine Herzens- und Gedankenweisheit einem einzuflößen; eigentlich kein Wunder, daß man sich diesem Zustand entzieht, sobald man nur kann!"

Die Operation erscheint natürlich um so unangenehmer, je fremder uns die Herzens- und Gedankenweisheit ist, und eine fremdere als die von Hans Henny Jahnn findet man selten. "Man hat mich nicht soweit verstanden, um mich mißzuverstehen", schrieb er 1947. Hochmütig war er zuweilen. Er hat, daß man ihn verstehe, nicht allzuviel unternommen, außer eben zu schreiben, was ihn im Innersten aufwühlte, und das war der "Schöpfungsfehler", die Grausamkeit der Natur. Er sah die Menschheit auf dem Weg zur Natur- und Selbstzerstörung, und er predigte die Achtung vor der Kreatur. Zugleich aber begriff er, daß ein Zurück zur Natur kein Heil bringt, denn ihr Gesetz ist das Fressen und Gefressenwerden. Er glaubte, daß kein Gott sei, aber er forderte von Gott, also von den Menschen, jedenfalls vom Dichter, nichts weniger als die Ausnahme, die Aufhebung dieses Gesetzes. Aufgabe der Kunst sei es, so forderte er, das unermeßliche Leid zu mindern.

Man sieht: eine Rebellion ohne Ende, eine Rebellion gegen den "bitteren Geschmack dieser unbekömmlichen Erkenntnis". Den bitteren Geschmack spürt jeder, der ihn liest. Vielleicht ist dies der Grund des Abstoßungseffekts, den Jahnn unablässig produziert. Er ist zugleich die Bedingung seiner unbestreitbaren Größe.

Der Rebell Jahnn hat im Verlauf seines 65 Jahre währenden Lebens alle Fehler begangen, politisch wie literarisch, die einer, wenn er erfolgreich sein will, nur begehen kann. Er selber sprach einmal von seiner "hanebüchenen Unbeholfenheit". Man kann ihn nur lieben, wenn man diese Unbeholfenheiten und Fehler als den Preis in Rechnung stellt, den die unbekömmliche Erkenntnis fordert. Der einzige Weg, die epochale Leistung dieses Werks zu begreifen, läuft wahrscheinlich darauf hinaus, seine Schwächen und Zumutungen bloßzulegen. Der Mangel der Jahnn-Rezeption liegt darin, daß der Kern seiner Verehrer den Blick von der Kehrseite abwehrt und eine defensive Hagiographie betreibt. Aber Jahnns Verstöße gegen die Regeln des Geschmacks und der Grammatik sind inhärent logisch. Jahnns Todsünden sind sein Königsweg.