Von Wolfgang Blum

Gute Nacht, deutsche Unis. Amis holen unser Mathe-Genie“, titelte die Bild- Zeitung vor zehn Jahren. Damals folgte Gerd Faltings, der berühmteste lebende deutsche Mathematiker, einem Ruf nach Princeton. Vor vier Monaten kehrte er zurück in die Heimat, an das Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn.

Im Gespräch wirkt das gefeierte Genie keineswegs wie ein Medienstar. Der Vierzigjährige ist bescheiden geblieben. In einem Lebensbericht für die Studienstiftung des deutschen Volkes, deren Stipendiat er gewesen war, gab er einst offen zu, unmusikalisch und „nicht so recht allgemeingebildet“ zu sein: „Genauso erscheint es mir zweifelhaft, ob die Universität, an der ich augenblicklich lehre, mich als Studenten akzeptiert hätte.“

Den Rummel, den die Medien um seine Person Mitte der achtziger Jahre veranstalteten, hat Faltings nie gemocht. Als die Presse über ihn herfiel, sei er völlig perplex gewesen, beteuert er glaubhaft. Schließlich ist seine Forschung so abgehoben, daß er sich weltweit nur mit einer Handvoll Spezialisten darüber verständigen kann.

Berühmt gemacht hatte ihn eine siebzehnseitige Arbeit, über die er heute noch urteilt: „Das war das Größte, was ich bisher gemacht habe.“ Ihr unscheinbarer Titel: „Endlichkeitssätze für Abelsche Varietäten über Zahlkörpern“. Darin bewies der damals Achtundzwanzigjährige als erster eine siebzig Jahre alte Vermutung des britischen Mathematikers Louis Joel Mordell über sogenannte algebraische Kurven. Drei Jahre später wurde ihm dafür die Fields-Medaille verliehen, die als Nobelpreis für Mathematiker gilt. Faltings ist der einzige Deutsche, dem diese Ehre bisher zuteil wurde.

Zudem ließ sich aus seiner Abhandlung etwas über das bekannteste mathematische Problem schließen, nämlich die Fermatsche Vermutung (siehe nebenstehenden Artikel), Faltings selbst hatte daran gar nicht gedacht. Kollegen bemerkten den Zusammenhang indes sofort. Der Mathematiker kommentiert trocken: „Die Fermatsche Vermutung hat mich nie besonders interessiert und interessiert mich eigentlich immer noch nicht.“ Sie sei zu speziell und könne daher der modernen Mathematik keine Impulse verleihen. Freilich freue er sich, daß sie nun endlich bewiesen sei, nachdem sich 357 Jahre lang die hellsten Köpfe an ihr vergebens die Zähne ausgebissen hatten. Denn das würde demonstrieren, daß die modernen Methoden der algebraischen Geometrie die Mathematik vorangebracht hätten.

Algebraische Geometrie – Faltings’ Spezialgebiet – befaßt sich mit Kurven, die durch Formeln gegeben sind, in denen nur die vier Grundrechenarten und Potenzen auftreten. Bereits in seinem zweiten Semester an der Universität Münster besuchte der Student Faltings eine Vorlesung über dieses mathematische Teilgebiet. Nach wenigen Wochen war er der einzige Hörer. Seine Kommilitonen konnten offenbar dem Professor nicht mehr folgen und blieben der Veranstaltung fern. Während seiner Studienzeit lernte er so die Einsamkeit eines Genies kennen. Die Probleme, mit denen sich die anderen Studenten abmühten, fand Faltings trivial. Nicht umsonst hatte er schon mit zwölf Jahren begonnen, in den Mathebüchern seines Vaters, eines Physikers, zu stöbern. Als Jugendlicher wurde er zweimal Sieger im Bundeswettbewerb Mathematik.