Von Ulrich Schnabel

Auf der britischen Insel ist das Forschungsfieber ausgebrochen. Die halbe Nation stellt Experimente mit ihren Haustieren an. Terrier Jaytee aus Ramsbottom, Grafschaft Lancashire zum Beispiel scheint immer zu wissen, wann seine Herrin nach Hause kommt. Wenn Hundehalterin Pam Smart nur ihren Heimweg antritt – und sei sie auch meilenweit entfernt –, wetzt Jaytee schon an seinen Fensterplatz, um auf sie zu warten. Kehrt Pam vom zehn Minuten entfernten Bury zurück, sitzt Jaytee zehn Minuten vor ihrer Ankunft am Fenster; kommt sie dagegen aus dem eineinhalb Stunden entfernten Blackpool, so reagiert der treue Terrier bereits eineinhalb Stunden, bevor sie eintrifft.

Pam ist davon jedenfalls nach ausgiebigen Experimenten überzeugt. Wochenlang stellten sie und ihre Eltern den sechsten Sinn ihres Terriers auf die Probe. „Ich sagte meinen Eltern nicht, wohin ich ging und wann ich zurückkommen würde“, berichtet die Sekretärin, „ich kam zu allen möglichen Tageszeiten“ – doch siehe da: „Jaytee wußte fast immer, wenn ich mich auf den Weg machte.“ In 38 von 44 untersuchten Fällen konnten die zu Hause beobachtenden Eltern jedenfalls eine erfolgreiche Terrier-Reaktion diagnostizieren.

Ist das Telepathie? Verknüpft ein unsichtbares Band den Hund mit seiner Besitzerin? Mit ausgeklügelten Tests schlossen die Smarts nacheinander alle bekannten Erklärungen aus. So fiel beispielsweise die car sound theory, derzufolge Jaytee Pam am Klang ihres Autos erkennt, in sich zusammen, als Jaytee auch bei Fahrradfahrten auf dem Posten war. Und schließlich legte Pam ihre Rückkehr teilweise per Münzwurf nach dem Zufallsprinzip fest, damit nicht die Erwartungshaltung ihrer Eltern einen unbewußten Einfluß auf den Hund ausübte – Jaytee ließ sich nicht beirren. Selbst für die sechs Fälle, in denen der Terrier nicht wunschgemäß seinen Fensterplatz einnahm, fand Pam eine einleuchtende Erklärung. Mal war es eine läufige Hündin in der Nachbarschaft, mal versteckte er sich vor den Kindern ihrer Schwester, die ihn gern am Schwanz durch die Wohnung ziehen.

Jaytee dürfte damit das am besten untersuchte englische Haustier mit solch außergewöhnlichen Fähigkeiten sein – doch bei weitem nicht das einzige. Die Hauskatze Godzilla erkennt, daß ihr Herrchen am Telephon ist, noch bevor jemand den Hörer abnimmt. Der gefiederte Sambo, ein asiatischer Star, kündigt die Rückkehr des in Ostafrika arbeitenden Sohnes der Familie schon tagelang vorher an. Und Terrierhündin Jessie „scheint immer zu wissen, was ich tun werde, fast sogar bevor ich es selbst weiß“, schwärmt die Marquise von Salisbury, Lady Mollie Salisbury.

Ausgelöst hat die britische Experimentierwut ein jungenhaft wirkender Privatgelehrter aus dem idyllischen Londoner Vorort Hampstead: Dr. Rupert Sheldrake, Biochemiker, Erfolgsautor und mittlerweile Star der weltweiten Esoterikszene. Ein langer, schlaksiger Engländer mit langem Kraushaar und offenem, einnehmendem Wesen; Absolvent der ehrwürdigen Universität Cambridge, research fellow der Royal Society und Fachmann für Pflanzenphysiologie. Mit seinen Büchern über „Das schöpferische Universum“ (1981) oder „Das Gedächtnis der Natur“ (1988) wurde er berühmt. Die Frauenzeitschrift Cosmopolitan erhob ihn vor zwei Jahren bereits zum „Retter der Menschheit“, und das Hamburger Szenemagazin KGS (Körper, Geist, Seele) preist ihn „neben Stephen Hawking und Fridtjof Capra“ als einen der „innovativsten Naturwissenschaftler unserer Zeit“. Sein neuestes Werk dürfte freilich den Nerv seines Publikums treffen wie kein anderes. Denn jetzt propagiert er „Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten“ und verspricht im Untertitel eine „Anstiftung zur Revolutionierung des wissenschaftlichen Denkens“ (Scherz-Verlag). Wenn Rupert Sheldrake also in diesen Tagen durch Deutschland reist, um Buch und Ideen unters Volk zu bringen, dürfen auch wir uns auf tierische Experimente freuen.

Denn der Brite ruft zur Wissenschaft für jedermann auf. „Wenn Haustiere spüren, daß ihre Besitzer heimkommen“, lautet das erste seiner revolutionären Experimente; das zweite fragt: „Wie finden Tauben nach Hause?“ Ohne Geld und von Laien durchzuführen ist auch Versuch Nummer vier über „Das Gefühl, angestarrt zu werden“. Wer „Die Organisation des Termitenlebens“ erforschen will, braucht dazu allerdings einige Grundvoraussetzungen, zum Beispiel einen Termitenhaufen. Noch schwieriger dürfte das sechste Experiment anzustellen sein, in dem überprüft werden soll, ob die physikalischen Grundkonstanten (wie Lichtgeschwindigkeit, Elementarladung oder Gravitationskonstante) wirklich konstant bleiben.