Von Ulrich Herbert

Im Sommer 1944 waren 7,8 Millionen ausländische Arbeitskräfte auf dem Gebiet des Deutschen Reiches "zur Arbeit eingesetzt". Zu etwa einem Viertel handelte es sich dabei um Kriegsgefangene, vor allem aus Frankreich, Italien, Polen und der Sowjetunion. Die anderen drei Viertel waren "Zivilarbeiter" aus nahezu allen von Deutschland beherrschten oder von ihm abhängigen Ländern. Der weit überwiegende Teil von ihnen war zwangsweise nach Deutschland gebracht worden. Zu den Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern wurden seit der zweiten Kriegshälfte auch vermehrt KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit in die deutschen Betriebe gebracht; 1944 waren es etwa 500 000, auch sie fast ausschließlich Nichtdeutsche. Insgesamt waren ein Jahr vor Kriegsende im Durchschnitt knapp dreißig Prozent aller in Industrie, Landwirtschaft und Verwaltung in Deutschland beschäftigten Arbeiter und Angestellten Ausländer. Ohne die ausländischen Zwangsarbeiter wäre die deutsche Kriegswirtschaft spätestens seit Anfang 1942 nicht mehr in der Lage gewesen, die für den Krieg notwendige Produktion an Rüstungsgütern und Lebensmitteln sicherzustellen.

Dieses lange Zeit nur wenig beachtete Thema ist in den vergangenen Jahren stärker in den Blickpunkt der Historiker wie der deutschen Öffentlichkeit gekommen. Die Archive der Unternehmen blieben den Forschern jedoch nahezu vollständig versperrt. Nur nicht daran rühren, hieß die Devise der Unternehmensleitungen, die ja nicht nur schädliche Auswirkungen auf Image und Export befürchteten, sondern womöglich auch massive Entschädigungsforderungen der ehemaligen Zwangsarbeiter.

Mitte der achtziger Jahre schien die Daimler-Benz AG aus dieser Abwehrfront der deutschen Industrie auszuscheren. Drei Jahre nach ihrem hundertjährigen Auto-Jubiläum im Jahre 1983 legte eine Arbeitsgruppe der industrienahen Bonner Gesellschaft für Unternehmensgeschichte eine von dem Stuttgarter Konzern angeregte und finanzierte Darstellung über die Daimler-Benz AG in den Jahren der NS-Diktatur vor. Allerdings waren in diesem Buch nun ausgerechnet die besonders brisanten Aspekte des Themas, nämlich die Heranziehung von Zehntausenden von zivilen Zwangsarbeitern und Tausenden von KZ-Häftlingen zur Arbeit in den Werken des Unternehmens, nahezu völlig ausgespart worden, was in Wissenschaft wie Öffentlichkeit zu entsprechend kritischen Reaktionen führte.

Daraufhin beschloß die Konzernspitze, die Bonner Historiker mit einer weiteren Studie zu beauftragen, die ausschließlich die "Zwangsarbeit bei Daimler-Benz" behandeln sollte. Diese Untersuchung liegt nunmehr vor. Wer eine Verteidigungsschrift erwartet hatte, wird enttäuscht sein. Es handelt sich um die umfangreichste und genaueste Darstellung des Zwangsarbeitereinsatzes in einem deutschen Industrieunternehmen, die bisher verfaßt wurde.

Wie bei fast allen deutschen Industrieunternehmen war auch bei Daimler-Benz das Interesse der Firmenleitung an ausländischen Arbeitern bei Kriegsbeginn zunächst eher gering. Erst als man in Untertürkheim merkte, daß die an die Front gerufenen deutschen Stammarbeiter so schnell nicht "zum Daimler" würden zurückkehren können – wenn überhaupt wuchs die Begehrlichkeit. Dabei war in der Unternehmensleitung nicht nur das Motiv ausschlaggebend, die Rüstungsproduktion im erforderlichen Umfang aufrechtzuerhalten, sondern man sah auch die Chance, die Firma mit Hilfe ausländischer Arbeitskräfte während des Krieges viel schneller wachsen zu lassen, als dies unter Friedensbedingungen möglich gewesen wäre, um für die Nachkriegszeit entsprechende Vorteile zu gewinnen. Spätestens seit der Kriegswende im Winter 1941/42, als die deutsche Rüstungswirtschaft schnell auf einen langanhaltenden Abnutzungskrieg umgestellt werden mußte, setzte auch Daimler-Benz darauf, so viele ausländische Arbeitskräfte wie möglich zu bekommen – egal, wie.

Überwogen anfangs noch reguläre Anwerbungskampagnen des Unternehmens, ging man bald zu rabiateren Methoden über – etwa in den Jahren 1942/43, als mehr als 3000 Renault-Arbeiter zum "Reichseinsatz" bei Daimler-Benz zwangsverpflichtet wurden. In erster Linie aber besorgte sich auch Daimler-Benz seine Zwangsarbeiter über den "normalen" Weg der Arbeiteranforderung beim Arbeitsamt oder, in geringerem Umfang, bei der Wehrmacht und den Kriegsgefangenenlagern; und es waren nun vorwiegend Frauen und Männer aus der Sowjetunion, die als Zwangsarbeiter in den verschiedenen Werken des Konzerns eingesetzt wurden.