Seit 1943 wuchs auch die Zahl der in den Daimler-Fabriken eingesetzten KZ-Häftlinge, die sich die einzelnen Firmenleitungen meist aus den KZ-Außenlagern selbst heraussuchen durften. „Es kamen Herren von Daimler-Benz und suchten Mädels aus für Genshagen“, beschrieb eine junge Tschechin aus dem KZ Ravensbrück die Prozedur, „und sie suchten junge Mädchen aus, die gesund aussahen. Wir mußte unsere Hände zeigen und die Zunge und die Zähne, wie wenn man Kühe kauft... Dann wurden wir auf einen Lastwagen aufgeladen.“

1944 waren schließlich 50,5 Prozent aller in den 17 Werken des Konzerns beschäftigten Arbeitskräfte ausländische Zwangsarbeiter – 27 000 Zivilarbeiter, 4900 Kriegsgefangene und 5600 KZ-Häftlinge. Im Werk Genshagen waren es gar 67 Prozent, davon ein Viertel KZ-Häftlinge. Diese Zahlen sind nun keine Besonderheit der Daimler-Benz AG, sondern entsprechen in etwa denen in vergleichbaren anderen Unternehmen. Was aber bei Daimler-Benz auffällt, ist der hohe Anteil an KZ-Häftlingen auch in Werken innerhalb des Reichsgebietes. Hierzu bedurfte es vor allem guter Beziehungen zum Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS, der Organisationszentrale der SS, und über solche verfügte man in der Stuttgarter Unternehmensleitung.

Auch in der Behandlung der ausländischen Zwangsarbeiter unterschied sich Daimler-Benz nicht grundlegend von den in der deutschen Industrie zu dieser Zeit üblichen Verfahrensweisen. Je tiefer die einzelne Ausländergruppe in der rassistischen Hierarchie des NS-Staates angesiedelt war, desto schlechter waren die Lebensverhältnisse. Vor allem die sowjetischen Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen, die KZ-Häftlinge sowie seit 1944 auch die italienischen Militärinternierten litten unter Hunger und Kälte, unter dem fortwährenden Diktat der deutschen Aufseher, Lagerleiter, Meister und Vorarbeiter und nicht zuletzt unter den stetig zunehmenden Bombenangriffen, denen sie, anders als die deutschen und die sogenannten Westarbeiter, häufig ohne schützende Bunker ausgesetzt waren.

Besonders eindrücklich sind die Kapitel über den Arbeitseinsatz der KZ-Häftlinge. Bei der Verlagerung eines Großteils der Produktionsstätten des Konzerns in unterirdische Stollen, Höhlen und Bergwerke während der letzten Kriegsphase wurden Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern in großer Zahl herangezogen, darunter seit 1944 auch viele Juden. Für die deutschen Behörden, die SS und die Wehrmachts-Rüstungsstäbe stand dabei die beschleunigte Wiederaufnahme der Rüstungsproduktion im Mittelpunkt des Interesses. Für Daimler-Benz jedoch war dies nicht das Hauptmotiv. Für dieses wie für nahezu alle an dem „Höhlenprojekt“ beteiligten Unternehmen, bei dem Zehntausende von KZ-Häftlingen noch in den letzten Kriegsmonaten zugrunde gingen, war die Aufnahme der Kriegsproduktion selbst nur noch ein zweitrangiges Ziel; mit Hilfe des Masseneinsatzes von KZ-Häftlingen sollten vielmehr vor allem die teuren Produktionsanlagen vor Luftangriffen geschützt werden, um dem Unternehmen nach dem Kriege eine gute Startposition zu ermöglichen – eine Strategie, die sich als sehr erfolgreich erwies.

Dies alles wird in diesem Buch minutiös dargestellt, aus den Akten belegt und aus der Perspektive der einstigen Zwangsarbeiter anschaulich geschildert.

Zwei Punkte sind hervorzuheben: Erstens gab es zwischen den einzelnen Werken große Unterschiede in der Behandlung der Zwangsarbeiter. Die Werksleitungen, aber auch die Lagerführer, die Meister und Vorarbeiter besaßen große Spielräume. Die Behauptung, die Art des Zwangsarbeitereinsatzes sei allein auf die Weisungen der NS-Behörden zurückzuführen, wird eindeutig widerlegt. Das aber verweist um so mehr auf die Verantwortung der einzelnen Unternehmensleitungen.

Zweitens ist zwar das Bestreben der Daimler-Manager sichtbar, die Zwangsarbeiterbeschäftigung in ökonomischen Maßstäben zu orientieren – aber die Praxis blieb davon weit entfernt. Für die Werksleitungen wäre es nicht schwer gewesen, durch Verbesserung der Ernährung und der Unterbringung der Zwangsarbeiter schnell erhebliche Leistungssteigerungen herbeizuführen. Daß die Verantwortlichen bei Daimler-Benz dies, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht taten, hat verschiedene Gründe: Die in den letzten zwei Kriegsjahren sich ausbreitende Irrationalität und mangelnde Koordinationsfähigkeit der wirtschaftlichen Planungen ist einer, Desinteresse und Abstumpfung gegenüber dem Schicksal der Zwangsarbeiter ein anderer. Bei vielen Deutschen in dem Unternehmen, in der Firmenleitung wie in den Fabrikhallen, hatte die jahrelange Gewöhnung an Rassismus und brutale Unterdrückung „Fremdvölkischer“ und „Minderwertiger“ in Deutschland ihre Spuren hinterlassen; Berichte über Schläge und Demütigungen in den Fabriken sind denn auch häufiger als solche über Solidarität und Hilfsbereitschaft.