Von Barbara Beuys

Die Ironie des Schicksals hat schon manches Talent befördert. Peter Schäfer, Leiter des Instituts für Judaistik an der FU Berlin, ist ein Musterbeispiel dafür. Nach vier Semestern Katholischer Theologie beendete er sein Bonner Studium, weil Art und Weise des dortigen Hebräischunterrichts seine Frustrationstoleranz überstieg. Wie eine tote Sprache wurde an dieser deutschen Fakultät behandelt, was nur wenige Flugstunden entfernt im Staat Israel als Landessprache höchst lebendig war. Peter Schäfer beantragte ein Stipendium und kam 1964 nach Jerusalem. Dort lernte er nicht nur bestens Hebräisch, sondern entdeckte ein Studium, das es zu seiner Zeit in Deutschland noch nicht gegeben hatte. Er stieg um auf die „Wissenschaften des Judentums“, wie die Judaistik in Israel heißt, machte eine akademische Karriere, die nicht gerade Durchschnitt ist, und versteht sich als kritischer Streiter für ein hierzulande sträflich vernachlässigtes Fach.

So zufällig ist das alles nicht. „D.ie Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Deutschland, die Anfang der sechziger Jahre begann, hat mein Interesse für Literatur, Geschichte, Religion und Sprache der Juden entscheidend beeinflußt.“ Was der junge Mann aus dem Ruhrgebiet, Jahrgang 1943, dann in Israel erlebte, bedeutete für ihn den Zugang zu einer ganz neuen Welt: Juden, die ihr Judentum lebten und zwar auf höchst unterschiedliche, ja widersprüchliche Weise.

Die Erinnerungen an die ersten Jahre in Israel sind noch präsent als isrealische Kommilitonen und aus Deustschland eingereiste Professoren den Studenten aus dem Land der Mörder in kurzer Zeit akzeptierten. Einge unausgesprochene Bedingung: daß man nie Deutsch miteinander sprach. Als Peter Schäfer vor wenigen Jahren ein Gastsemester an der Jerusalemer Universität verbrachte, durchbrachen einige seiner alten Lehrer dieses Tabu: „Es war eine Geste, die mich tief berührte.“

Nun sitzt Schäfer in seiner kärglichen Studierstube im Berliner Judaistikinstitut und freut sich, daß endlich die Bibliotheksbände daraus verschwinden, zu denen die Studierenden selbstverständlich immer Zugang haben mußten. Als ihm in diesem Jahr der Leibnizpreis verliehen wurde mit 1,5 Millionen Mark Forschungsgeldern, stand plötzlich einem zweiten Haus für das Institut nichts mehr im Wege. Denn das malerische Äußere der Dahlemer Villa mit ihrem verwilderten Garten täuscht. Die drangvolle Enge im Innern ist für zwei oder drei Professoren nebst Assistenten, für über 200 Studenten, circa 17 000 Bücher und Zeitschriften, ein Mikrofilmarchiv mit Computern und Druckern schon lange eine Zumutung.

Zurück nach Jerusalem: Dem Studium dort folgte 1968 in Deutschland die Promotion als zweiter Doktorand im Hauptfach Judaistik nach 1945, die Habilitation 1973 und ein Jahr später eine Professur am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität Köln. 1983 wurde Schäfer Leiter des Berliner Instituts.

1977 begann Schäfer, sich mit der Literatur der jüdischen Mystik in der Spätantike zu beschäftigen: „Ich konnte nicht ahnen, welche innere Dynamik dieses Forschungsgebiet entwickeln und welchen Anteil es in meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit nehmen würde.“ Das ist wohl wahr. Doch zielsicher hatte er sich ein Programm gesteckt, das vollauf seiner Neigung entsprach, möglichst „das Ganze in den Griff zu bekommen“.

Was sich als zentrales und aufregendes Kapitel jüdischer Religion entpuppt, ist ohne den Berliner Bürgersohn Gershom Scholem, der 1923 nach Jerusalem emigrierte, undenkbar. Zweifellos der größte Judaist dieses Jahrhunderts, machte Scholem – nicht zuletzt aus Protest gegen den „geläutert rationalen“ Glauben der deutschen Juden – die verachtete jüdische Mystik erstmals zum Forschungsgegenstand seiner Wissenschaft und gleich zu einem ihrer fruchtbarsten.

Was dem Laien dabei in den Sinn kommt – die geheimnisumwitterte Kabbala –, ist nur eine Blüte, die im spätmittelalterlichen Spanien zu erster Pracht kam. Viel früher entstand in der Spätantike die Merkava-Mystik, deren Vorbild der Prophet Ezechiel ist. Er schildert in seinem 1. Buch in der hebräischen Bibel seine Vision des göttlichen Thrones (hebräisch: merkava), der von vier geflügelten Wesen, halb Tier, halb Mensch, getragen wird und auf dem inmitten von Feuer und Lichtglanz die „Gestalt der Herrlichkeit des Ewigen“ ruht. Aus der Merkava-Mystik entwickelte sich eine eigene, die sogenannte Hekhalot-Literatur, Schäfers erste Forschungsetappe. Sie beschreibt in intensiven, poetischen Bildern den Aufstieg des Mystikers durch die sieben himmlischen Paläste (hebräisch: hekhalot), bis er im siebten Himmel die Gottheit auf ihrem Thron schaut.

1977 kannte man zwar alle Texte, aber keiner war bisher wissenschaftlich bearbeitet worden 1982 legte Peter Schäfer mit seinen Kölner Mitarbeitern eine Edition und Synopse der gesamten Hekhalot-Literatur vor und zugleich deren deutsche Übersetzung.

Erst dieser Überblick machte deutlich, wie wichtig diese religiöse Literatur für das Judentum ist. Denn die persönliche Bescheidenheit der Hekhalot-Autoren – ihre Namen bleiben völlig im dunkeln – darf nicht mit Bescheidenheit in der Sache verwechselt werden: „Obwohl sie niemals ‚ich‘ sagen, haben diese Autoren einen ungeheuren Anspruch. Sie erklären, daß ihre Botschaft die gleiche Autorität hat wie das, was Moses am Sinai empfangen hat.“ Diese Botschaft offenbart ein verdrängtes jüdisches Glaubensverständnis, das verstört und deshalb gern als „nichtjüdisch“ und „primitiv“ abgewiesen wird. Der Wissenschaftler Schäfer zeigt keine Berührungsängste: „Der überwiegende Teil der Hekhalot-Schriften ist durchtränkt von Magie. Aber auch in der Bibel gibt es Magie pur, wenn der Stab des Moses in eine Schlange verwandelt wird.“ Und die Religionswissenschaft hat bewiesen, daß Magie keineswegs nur etwas für einfache Gemüter ist.

Die Hilfsmittel des Merkava-Mystikers, um Gott zu erkennen, sind nicht – wie im traditionellen Judentum – Gebete und Bibelstudium, sondern Beschwörungen und Magie. Dabei spielt die Kraft der Worte eine besondere Rolle. Der Mystiker bezwingt die Wächter an den himmlischen Palasttoren, indem er Siegel mit magischen Buchstabenkombinationen vorzeigt. Am Ziel seiner Reise angekommen, stellt Gott ihm einen Wunsch frei: Was wünscht sich der Mystiker? Das Geheimnis des göttlichen Namens, der nach diesem magischen Glaubensverständnis Himmel und Erde buchstäblich zusammenhält. Wenn der Mensch diesen Namen ausspricht, wird er zum Herrn des Kosmos – und steht damit noch über dem göttlichen Schöpfer. Kein Wunder, daß solche Vorstellungen bei den offiziellen rabbinischen Glaubenshütern verpönt waren – und ihre Faszination durch die Jahrhunderte ungebrochen blieb.

Die Rolle der Magie im spätantiken Judentum ist die nächste Etappe im Forscherleben des Peter Schäfer. Das Projekt läuft seit 1990 am Berliner Institut in Kooperation mit dem Jerusalemer Kollegen Shaul Shaked. Der erste Band magischer jüdischer Texte – Amulette, Beschwörungen, Rezepte – in deutscher Übersetzung erschien in diesem Herbst. Er kam mit in den Koffer nach Princeton. Dort begann Peter Schäfer im Wintersemester 1994/95 am Institute for Advanced Study seine zweijährige Gastprofessur mit einem interdisziplinären Seminar über „Religion and Magic“.

Hin und wieder wird Peter Schäfer das Flugzeug nach Berlin nehmen müssen, um ein Forschungsvorhaben zu betreuen, das dort seit 1986 unter seiner Leitung als „Kontrastprogramm“ zu Mystik und Magie läuft: eine Synopse der wichtigsten Handschriften und frühen Drucke des Jerusalemer Talmud. Bisher sind drei der geplanten sieben Bände im Folioformat erschienen.

Der Talmud ist der erfolgreiche Versuch der Rabbiner, dem endgültig in der Diaspora verstreuten Judentum nach Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) ein neues geistig-religiöses Zentrum zu schaffen. Er faßt die mündliche Tradition samt den widersprüchlichen Kommentaren der Rabbiner zusammen und gilt gleichberechtigt neben der schriftlichen Tradition der Thora (den fünf Büchern Mose) als göttliche Offenbarung. Infolge historischer Entwicklungen gibt es ihn in zwei unterschiedlichen Fassungen: den Jerusalemer Talmud (zu Beginn des 5. Jahrhunderts abgeschlossen) und den rund dreihundert Jahre jüngeren babylonischen Talmud.

Wenn das keine Sensation ist: Die zweite heilige Schrift des Judentums erhält von deutschen Judaisten ihre entscheidende wissenschaftliche Ausgabe und wird von einem deutschen nichtjüdischen Verlag (Mohr/Siebeck in Tübingen) erstmals komplett in Hebräisch gedruckt.

Hat es keine Bedenken aus Jerusalem gegeben? Von frommen Juden? Von Wissenschaftlern? „Überhaupt nicht“, sagt Peter Schäfer: „Das Problem jüdisch/nichtjüdisch in bezug auf die Judaistik ist aus meiner Erfahrung ein deutsches Problem. In der internationalen Fachwelt wird meine Arbeit gleichberechtigt antizipiert; daß ich Deutscher und Nichtjude bin, spielt keine Rolle.“ Wenn es um die deutschen Kritiker der Judaistik in diesem Land geht, kommt Peter Schäfer in Fahrt: „Natürlich bestimmt die Schoah unsere ganze Arbeit. Aber die geringe Anzahl von Juden in diesem Land ist doch kein Argument, keine Wissenschaft zu betreiben.“ Ebenso gilt: „Judaistik ist keine Wissenschaft ausschließlich von Juden und für Juden. Sie muß als universale Disziplin offen sein für die pluralistische Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden.“ Deshalb lehnt er die These ab, deutsche Judaisten sollten sich wegen der historischen Situation vor allem mit deutschem Judentum beschäftigen.

Im 19. Jahrhundert versuchten jüdische Gelehrte, für die „Wissenschaft des Judentums“ an den deutschen Universitäten einen Platz zu finden. Sie scheiterten am Antisemitismus der Professorenschaft und mußten sich mit einer isolierten jüdisch-theologischen Hochschule in Berlin begnügen, für die 1942 das gewaltsame Ende kam. Die tragische Chance, nach der Vernichtung des europäischen Judentums erstmals in Deutschland Judaistik als Universitätsdisziplin zu etablieren, wurde lange vertan, während die Islamistik aus Tradition beim Neubeginn nach 1945 wieder viele Lehrstühle erhielt.

Der erste eigenständige Lehrstuhl für Judaistik an einer deutschen Universität wurde erst 1964 mit dem Berliner Institut errichtet, die Universitäten Köln (1966) und Frankfurt (1969) folgten – dort als Reaktion auf eine Friedhofsschändung. Die übrigen Judaistik-Institute und Professuren sind anderen Fakultäten angeschlossen und bieten deshalb nur einen Nebenfachstudiengang. Minimale Fortschritte sind neuerdings zu verzeichnen: Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg – vom Zentralrat der Juden getragen – soll in Kürze das Promotionsrecht erhalten; an der Universität Potsdam entstand das Moses-Mendelssohn-Zentrum für Europäische Jüdische Studien, und seit diesem Wintersemester gibt es dort das Hauptfach „Jüdische Studien“. Doch sonst klingt Peter Schäfers Forderung weiterhin wie Zukunftsmusik: „Das Judentum ist als Faktor der europäischen Kultur so wichtig wie der Islam. Das Argument reicht, um es als normales Fach an den meisten Universitäten dieses Landes zu integrieren.“

Der Leibnizpreis gibt Schäfer die Möglichkeit, noch mehr Studenten in seine Forschungsvorhaben einzubinden. Er ist kein wissenschaftlicher Einzelkämpfer: „Ich versuche Leute, die an der Sache interessiert sind und arbeiten können, hier zu halten und helfe ihnen, Karriere zu machen. Nur so können wir die Wissenschaft vom Judentum in Deutschland sichern.“ Doch so entschieden er für die Wissenschaftlichkeit seines Faches streitet, so selbstverständlich ist es für ihn, jüdisches Leben in Deutschland zu stärken. Es gibt inzwischen konkrete Absprachen, daß Absolventen seines Instituts zukünftig ihre Kenntnisse am neuen jüdischen Gymnasium in Berlin einbringen werden.

Kann einer sich wissenschaftlich mit jüdischer Mystik beschäftigen, der keinen Sinn für Religiosität hat? Peter Schäfer muß nicht lange überlegen: „Nein, ohne Empathie geht es nicht. Ich vermute mal, ich hätte auch etwas anderes machen können.“