Von Michael Miersch

Brutale Kerle knüppeln auf weiße Robbenbabys ein. Panisch versucht ein Eichhörnchen seine Pfote aus dem Fangeisen zu zerren. Ein Nerz kauert in einem verdreckten Käfig und wippt unablässig mit seinem Vorderkörper hin und her. Bilder wie diese kann man nicht vergessen. Wer über Pelz diskutieren will, ruft automatisch solche scheußlichen Szenen aus Dokumentarfilmen und Photoreportagen wach. Behaarte Tierhaut gilt als blutig, unmoralisch und absolut "antiöko". Jeder, der ein Herz im Leib hat, ist selbstverständlich gegen Pelz.

Junge Frauen in Europa und Nordamerika verwirklichten die erfolgreichste Verbraucherinitiative, die es je gegeben hat: den Boykott gegen Fell. Die Preise verfielen, Tausende von Pelzgeschäften und Tierfarmen in aller Welt mußten dichtmachen. Allein in Deutschland gaben 500 der ehemals 2100 Kürschner auf. Kaufhäuser wie das traditionsreiche Londoner Harrod’s entfernten Pelzmäntel aus ihrem Sortiment. Ganze Völker wie die Eskimos oder die Indianer Kanadas verloren ihre Lebensgrundlage und wurden zu Sozialfällen. Der Umsatz der deutschen Pelzbranche sackte in den achtziger Jahren von 1,7 Milliarden Mark auf die Hälfte.

Die Schönen, die Berühmten und alle, die sich moralisch schon immer etwas besser vorkamen, sind dagegen: Kim Basinger und Horst Tappert, Madonna und Inge Meysel, Franz-Xaver Kroetz und Lady Di. Der Exstalinist und die Noch-Thronfolgerin möchten edle Menschen sein. Ein Aufruf zum Pelzboykott kommt da gerade recht:

Er demonstriert gute Gesinnung und kostet nichts. Schauspieler Uwe Ochsenknecht verkündet von Plakaten, er könne Frauen mit Pelzmantel nicht lieben, und Topmodel Christy Turlington verspricht, lieber nackt herumzulaufen als im Pelz.

Auf zahlreichen Demonstrationen in Europa und den USA schlossen sich Tierfreunde im vergangenen Winter Christy Turlingtons Androhung an und marschierten nackt. Wobei im prüden Amerika die Geschlechtsteile unter Minitangas verborgen blieben. Doch egal, ob oben ohne in New York oder ganz ohne in Hamburg, die Provokation wollte nicht so recht gelingen. Die Frierenden rannten offene Türen ein. Die Mehrheit ist auf ihrer Seite: 66 Prozent der Deutschen sprachen sich bei einer aktuellen Umfrage gegen Pelze aus. Nur wenige äußern dissidente Meinungen wie der Modeschöpfer Wolfgang Joop: "Ich finde es überraschend, welche Sentimentalität in Deutschland gegenüber niedlichen Tieren empfunden wird, während man nicht bereit ist, über Rinder und ‚häßliche‘ Schweine nachzudenken – ganz abgesehen von der Kälte gegenüber Menschen."

Dieser Kuscheltier-Effekt hat sich als Erfolgsrezept bewährt. Doch manche Broschüren, auf denen putzige Fuchswelpen und Robbenbabys um Spenden bitten, sind mit Vorsicht zu genießen. Viele der alten Argumente der Anti-Pelz-Kampagne sind überholt, und einige haben noch nie gestimmt.

Das Klischee "Pelz ist böse" ist mit Sachargumenten kaum zu halten. Mit dem gleichen Recht könnte man grundsätzlich Holz verdammen, nur weil ein Teil davon aus Raubbau am Regenwald stammt. Richtig ist nach wie vor: Manche Pelze stammen aus quälerischer Haltung oder von Tieren, die grausam getötet wurden. Andere jedoch fallen bei der Fleischproduktion an oder kommen von Arten, die aus ökologischen Gründen vermindert werden müssen.

Der pauschale Anti-Pelz-Reflex führt zu einer absurden Doppelmoral. Mit Lederjacken und Lederschuhen wird man sogar bei einer Tierschutzgala vorgelassen. Sobald jedoch Haare an der Tierhaut hängen, wandelt sich der unschuldige Naturstoff in bluttriefendes Killerkostüm. Dabei stammen Leder und Pelz oft vom gleichen Tier: Häute von Rindern und Pferden werden mit und ohne Haar verarbeitet. Die meisten Tierfreunde tolerieren Lammfell als Jackenfutter, verdammen jedoch Persianermäntel, die nichts anderes als Lammpelze sind. Fünfzehn Prozent der in Deutschland verarbeiteten Felle stammen von Tieren, die in erster Linie wegen ihres Fleisches geschlachtet wurden.

Logik und Wahrheitsliebe stehen bei manchen fanatischen Pelzgegnern nicht hoch im Kurs. Beispiel Sattelrobben: Obwohl deren Felle seit Jahren nicht mehr bei uns verkauft werden dürfen, schmücken Robbenbabys immer noch Plakate und Broschüren. Sie sind zu Kulttieren geworden. Anders als die Schweine und Hühner, welche in Deutschland weiterhin zu Millionen gequält werden, erregen sie Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei könnten Sattelrobben ohne weiteres wieder als Pelztier genutzt werden. Sie sind keine seltene Art: Es gibt über zwei Millionen von ihnen, dank der Proteste in den achtziger Jahren achten die Behörden in Grönland und Kanada heute darauf, daß die Robben nicht gequält werden. Inspektoren kontrollieren die Jäger, um Grausamkeiten zu verhindern. Doch die Öffentlichkeit wird mit alten Archivbildern desinformiert.

Nach wie vor bringen Tierschützer drei Hauptanklagepunkte gegen die Kürschner vor:

  • Tierquälerei: Auf Farmen und bei der Jagd würden Tiere mißhandelt.
  • Naturzerstörung: Der Fellhandel rotte Arten aus.
  • Unmoral: Es sei verwerflich, Tiere für Luxusartikel zu töten.

"Es ist ethisch nicht zu rechtfertigen, Tiere für die Mode zu töten", sagt Wolfgang Apel, Chef des Deutschen Tierschutzbundes. Abgesehen davon, daß in Finnland oder Rußland Pelze eine Notwendigkeit darstellen, ist die Definition von Luxus sehr schwierig. Tatsache ist, wir töten Tiere für alles Mögliche. Selbst im Reifengummi steckt tierisches Fett. Schlachtabfälle sind in vielen Kosmetika enthalten. Ein Mensch, der keine körperliche Schwerarbeit leistet, muß auch nicht siebenmal in der Woche Fleisch essen. Der Luxusvorwurf wird jedoch gern gegen die Pelzwirtschaft erhoben. Die Verdammung geht so weit, daß es die Zeitschrift Du und das Tier freudig begrüßt, wenn in der Schweiz 30 000 bei der Fuchsjagd angefallene Felle mangels Nachfrage verbrannt werden müssen.

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Wie sieht es mit dem Naturschutz aus? Sind die Kürschner Artenkiller? Das hat einmal gestimmt, tut es aber nicht mehr. Die ökologische Besorgnis ist ein Nachhall der sechziger Jahre, als Bernhard Grzimek Leopardenmäntel anprangerte. Tatsächlich waren Leoparden und andere Wildkatzen durch Pelzjäger in Bedrängnis geraten. Diese Probleme sind vom Tisch. "Das Washingtoner Artenschutzabkommen hat sich bewährt", sagt Umweltminister Töpfer. "Im Jahre 1979 wurden noch 121000 Felle wildlebender Katzen wie Ozelote aus Mittel- und Südamerika in die Bundesrepublik importiert. 1990 waren es keine mehr." Darüber hinaus unterwerfen sich die deutschen Pelzhändler strengen Selbstverpflichtungen. Sie feuerten schwarze Schafe aus ihrem Verband.

Wie Grzimek in Deutschland hatte William Conway in den Vereinigten Staaten den Handel mit Raubkatzenfellen einst öffentlich angeprangert. Heute nimmt er Pelzträgerinnen in Schutz. Der Handel mit nordamerikanischen Fellen stellt nach Ansicht des Artenschutzexperten keine Bedrohung für die Tierwelt dar. Die Bestände, so Conway, könnten in dem Maße nachwachsen, in dem sie genutzt werden.

Pelze sind heute also ökologisch sauber, manche sogar ein Segen für die Umwelt. Denn es gibt Tiere, die von Naturschützern gar nicht gern gesehen werden. Dazu gehören zum Beispiel die meisten Arten, die vom Menschen nach Australien und Neuseeland eingeschleppt wurden, wie Füchse oder Kaninchen. Sie haben dort keine natürlichen Feinde und bedrohen die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt.

Besonders zerstörerisch verhält sich der Fuchskusu, ein Beuteltier, das vor über hundert Jahren von Australien nach Neuseeland verfrachtet wurde. Dort ging der Kusu sogleich daran, die grüne Insel kahlzufressen. Neuseelands Umweltminister Phillip Woolaston sagt: "Sie entlauben die Bäume und zerstören die Wälder. Der Handel mit ihren Fellen ist aus ökologischer Sicht absolut unbedenklich, Er trägt im Gegenteil zum Naturschutz bei.

Bleibt der Vorwurf der Quälerei. Wie grausam ist die Pelzgewinnung? Das läßt sich nur für jede Art einzeln beantworten, denn die Tiere werden auf sehr unterschiedliche Weise gehalten und getötet. Die einen – wilder Fuchs, wildes Kaninchen – wohnen im Wald und werden vom Jäger mit dem Gewehr erlegt. Lämmer leben auf der Weide und sterben dann im Schlachthaus. Andere, wie Nerze oder Zuchtfüchse, fristen ihr Dasein in Käfigen. Dies ist die große Mehrheit: Fast die Hälfte der in Deutschland verkauften Pelze stammt von Farmnerzen Hauptlieferant ist Dänemark.

"Unsere Tiere haben mehr Bewegungsspielraum als über neunzig Prozent der Schweine und Hühner in Deutschland", verteidigt sich Susanne Kolb vom Deutschen Pelz Institut. Das stimmt, doch hundert mal zweihundert Zentimeter Drahtbodenfläche (dänische Norm) für einen Fuchs sind nicht gerade ein Freigehege. Immerhin investierte die Internationale Pelzhandelsföderation seit 1983 über zehn Millionen Mark in Verhaltensforschung. Verbesserungen wurden eingeführt: Nerze und Füchse bekamen Nistkästen und Stroh zum Spielen. Knud Heller, dänischer Pelztierbiologe, sagt: "Die Tiere brauchen drei Dinge – Rückzugsmöglichkeiten, ein entspanntes Verhältnis zu den Nachbartieren und Zuwendung durch den Pfleger. Wenn das überall gegeben ist, sind Pelzfarmen kein Tierschutzproblem mehr." Tierschützer Apel kontert: "Es gibt keine Käfighaltung, die artgerecht wäre. Daran ändern auch ein bißchen Stroh und eine Schlafbox nichts.

Noch fragwürdiger als die Pelzfarmen ist die Fallenjagd. Sie wird hauptsächlich von den Eingeborenen in Nordamerika und Sibirien betrieben. Kanada schreibt seit einigen Jahren für Marder und Landnagetiere Totschlagfallen vor, die so schnell wie ein gut gezielter Schuß wirken. Doch andere Arten leiden weiterhin. Biber ertrinken auch heute noch in Unterwasserfallen. Großtiere wie Luchse oder Kojoten müssen in Halteeisen ausharren, bis sie ein Trapper erschießt.

Von 1996 an darf niemand mehr Felle in die Europäische Union einführen, die mit Haltefallen erbeutet wurden. "Doppelmoral!" schimpfen die kanadischen Trapper. Dieselben Länder, die sich mit diesem Verbot als Tierschützer aufspielen, benutzen grausame Unterwasserfallen bei der Schädlingsbekämpfung. Bisamratten, von denen allein in Belgien und Holland jährlich eine halbe Million erlegt werden, ertrinken zumeist in Fangkäfigen. Ihr Todeskampf dauert sechs bis sieben Minuten. Das ist genauso brutal wie manche Fangmethoden, die dem EU-Importverbot unterliegen. Die anfallenden Felle werden übrigens zu Pelzkleidung verarbeitet.

Befürworter dieser Schädlingsbekämpfung fuhren ins Feld, daß die aus Amerika eingeschleppten Bisamratten der europäischen Tier- und Pflanzenwelt schaden. Doch dafür gibt es keinen Beweis. Im Gegenteil: Die fremden Nager haben sich im einheimischen Naturhaushalt bestens eingefügt. Bisamrattenbekämpfung hat also einen rein wirtschaftlichen Grund: Die Tiere untergraben Uferbefestigungen.

Für viele Indianer und Eskimos waren Fallenstellerei und Robbenjagd Lebensgrundlagen. Die Anti-Pelz-Stimmung in den reichen Industrieländern hat den meisten diese Möglichkeit genommen. Das mutet ironisch an, denn gerade diese Völker werden von vielen Naturfreunden verehrt und bewundert. Tausende ehemaliger Pelzjäger müssen heute um Sozialhilfe betteln. "Ohne Robben ist unser Leben nicht mehr sinnvoll", sagt der Eskimojäger Louis Tarpardjuk. Pech, daß er nicht so putzig aussieht wie ein Robbenbaby.