Von Wolfgang Zank

Ritt Bjerregärd, ab 1. Januar 1995 Dänemarks Repräsentantin in der EU-Kommission und zuständig für die Umweltpolitik, brachte es bei einem Besuch in Oslo auf eine griffige Formel: „Die EU braucht Gro.“ Norwegens Premierministerin Gro Harlem Brundtland gilt schließlich als eine der renommiertesten Vorkämpferinnen für eine bessere Umweltpolitik. Sie leitete unter anderem eine Umwelt-Kommission der Vereinten Nationen, und jedem Experten ist der „Brundtland-Report“ ein Begriff. Großes Gewicht legten Gro Harlem Brundtland und ihre Mitautoren vor allem auf ein „nachhaltiges Wachstum“, also ein Wirtschaftswachstum ohne irreparable Umweltschäden und Raubbau an den Naturressourcen. Da ist es nur natürlich, daß sich die kommende Umwelt-Kommissarin Bjerregärd wertvolle Unterstützung erhofft, falls Norwegen Mitglied der Europäischen Union werden sollte. Aber das könnte sich – zumindest teilweise – als Illusion erweisen. Sofern unter nachhaltigem Wachstum nämlich auch Energiesparen und die Bekämpfung des Treibhaus-Effektes gemeint ist, wird man nicht auf die Unterstützung des Energie-Exporteurs Norwegen zählen können.

Am 28. November stimmen die Norweger in einem Referendum darüber ab, ob ihr Land Mitglied der Europäischen Union werden soll. Die Umfragen deuteten lange Zeit auf ein deutliches Nein hin. Aber nach dem positiven Veto Schwedens am vergangenen Sonntag spricht vieles dafür, daß die meisten Norweger ihre Bedenken zurückstellen und doch einem Beitritt zustimmen.

Der Oslo-Besuch der künftigen Umwelt-Kommissarin Ritt Bjerregärd war ein wohlkalkulierter Schritt der norwegischen EU-Freunde im Rahmen des Abstimmungskampfes. Unter vielen skeptischen Norwegerinnen kursiert nämlich die Vorstellung, die EU würde nur von Herren in Nadelstreifen-Anzügen gesteuert, und da ist die Dänin sozusagen ein leibhaftiger Gegenbeweis. Und außerdem symbolisiert Ritt Bjerregärd, daß es auch in europäischen Spitzenpositionen ökologische Vorkämpferinnen gibt. Damit rührt sie an einen zentralen Punkt der norwegischen Debatte, denn die Sorge um die Umwelt spielt eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung um die Mitgliedschaft. Viele Norweger befürchten, daß in der Europäischen Union Profit vor Umweltschutz rangiert.

Ingvild Haugan St0rkersen, eine Aktivistin der Nein-Kampagne: „Wird das Essen für meine Kinder gesünder, wenn im Falle einer Mitgliedschaft achtzig neue Zusatzstoffe erlaubt sein werden? Bekommen meine Kinder eine bessere Umwelt mit der EU-Atompolitik? Wo beispielsweise in Frankreich fünfzig Atomkraftwerke in Betrieb sind und mehrere im Bau? Wo die EU Rußland ausnutzt, um Atomabfall dorthin zu schicken? Ist es gut für meine Kinder, daß die Industrie an den EU-Institutionen 10 000 Lobbyisten unterhält, die Umweltorganisationen aber nur fünfzehn?“

Aus der Warte der EU-Anhänger verhält es sich genau umgekehrt: Umweltprobleme ließen sich nur in EU-Regie effektiv bekämpfen, heißt es, denn viele Schadstoffe machten nicht an den Grenzen halt. Nach Norwegens Umweltminister Thorbjörn Berntsen gehört die EU zu denjenigen „Umweltorganisationen“ auf der Welt, die am meisten verpflichtend sind – nicht weil Umweltinteressen immer ausreichende Durchschlagskraft besäßen, sondern weil die Verabredungen, die dann trotz allem getroffen würden, juristisch bindend seien. Wenn die nordischen Länder beitreten, dann werde die Möglichkeit gestärkt, ehrgeizigere Vorhaben durch Mehrheitsentscheidungen durchzusetzen.

Die Beitrittsfreunde verweisen darauf, daß rund 95 Prozent des Sauren Regens, der auf Norwegen niedergeht, im Ausland entstehen. Rund 25 Prozent der Schwefeldioxide und Stickoxide in der norwegischen Luft kommen aus Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland liegt mit rund 15 Prozent auf Platz zwei der Schadstoff-Exporteure. Nach Meinung der Ja-Sager kann Norwegen nur durch aktive Mitarbeit in der EU etwas dagegen tun. Die Gegner der Mitgliedschaft halten dagegen, daß ein unabhängiges Norwegen kraft guten Beispiels international viel mehr bewegen kann.