Von William Shawcross

Die Reise im Nachtzug von Paris nach Berlin ist ein spektakuläres, erhebendes Erlebnis. Die schnelle Fahrt ohne Zwischenhalt vermittelt einen Eindruck davon, wie nützlich und sinnvoll es war, den Kalten Krieg zu gewinnen.

Damals, ehe der Eiserne Vorhang in sich zusammenbrach, stiegen an der Zonengrenze ostdeutsche Soldaten in den Zug; ihr Auftreten war belästigend, demütigend, oft sogar furchteinflößend – vor allem für diejenigen, die aus der Gegenrichtung kamen und den Ostblock verließen. Heute dagegen eilt der Zug in triumphalem Sprint durch ein ungeteiltes Europa und kommt in einer wiedervereinigten Stadt an, die sich gerade anschickt, ihre Rolle einer europäischen Metropole wiederaufzunehmen.

In Berlin spürt man die Zukunft. Die Mauer ist so gut wie verschwunden. Nur noch Spuren sind von ihr zu erkennen. Die Wiedervereinigung war schmerzhafter und kostspieliger als erwartet, aber inzwischen sind fast alle ostdeutschen Betriebe privatisiert. Der machtvolle Impuls des modernen Deutschlands mit seinen jetzt achtzig Millionen Bürgern ist schon überall in Europa spürbar – nicht ohne hier und dort Irritationen zu erzeugen.

Mit dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs hatte sich die gesamte politische Landschaft mit einem Schlag verändert. Vor unseren Augen lag auf einmal das währe Europa, ein Kontinent, der sich endlos weit in den Osten erstreckt, durch verfallene, wenn nicht gar vernichtete Kulissen und mit Abertausenden von orientierungslosen Statisten – alles dies war bisher hinter der Bühne versteckt gewesen.

Wir wußten wohl von den Zerstörungen in Osten, aber wir mußten nicht damit fertig werden. Es gab eben zwei unabhängig voneinander bestehende Ordnungen, Ost und West. Nun sind sie beide verschwunden.

Die Berliner sprechen von der „Mauer im Kopf“, die sich am hartnäckigsten dem Wandel widersetzt. Bei einer Reise durch die USA und Europa, die ich kürzlich unternahm, schien mir, daß dies überall gilt – keineswegs nur in Berlin.