Von Christian Ankowitsch

Die Ohren der Beteiligten, rot vor Aufregung, machten dem Anlaß alle Ehre. Ebenso die großen Worte (wenn sie auch etwas Übergröße hatten): "Eine neue Akropolis", jubilierte der Architekt; "ein Geniestreich", tirilierte ein Juror; "Jahrhundertchance", "zweites Centre Pompidou", "endlich!" echote der Chor. Während der für die Aufregung verantwortliche Minister ein wenig in sich ruhte und sein Kutschpferdlächeln lächelte. Geschafft!

Wien, im April 1990. Hier war es also, das lange erwartete Zentrum moderner und zeitgenössischer Kunst. Zumindest als Modell: ein kleines Wunder aus Karton, liebevoll beleuchtet, von den Menschen mit den roten Ohren liebevoll umkreist. Mehr als zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis sich die Republik und (ein wenig auch) die Stadt Wien entschlossen hatten, ihn zu realisieren: den ersten großen Kulturbau des republikanischen Österreich. Was für ein April!

Und nun war es auch noch derart überzeugend geraten, das programmatisch "Museumsquartier" genannte Projekt: erdacht von engagierten Architekten (Laurids und Manfred Ortner), von einer qualifizierten Jury einhellig zum Sieger gekürt (Wolf Dieter Dube, Ernst Gisel, Werner Hofmann, Roland Rainer, James Stirling und anderen), ausgestattet mit allem, was zu einer derartigen "Jahrhundertchance" so dazugehört – und noch vielem mehr: Museen, Medienarchiv, Kunsthalle, Freihandbibliothek, Computerauffahrt zur Datenautobahn, Filmhaus, Architekturzentrum, Kino, Galerien, Shop mit Schiele-Schlüsselanhängern, Park, Beisel, Kinderspielplatz. Eine schwindelerregende Kulturmaschine also, summend Tag und Nacht.

Nicht alles auf einmal sollte gebaut werden, so viel Realismus hatte man sich bewahrt, sondern eins nach dem anderen, behutsam, überlegt. Die Entscheidung für den Bau, mäkelten zwar einige, sei spät gefallen, da überall sonst der Museumsboom bereits vorüber sei. Aber was machte das schon: Österreich war hinterdrein (wie immer). Doch dafür wollte es um eben dieses Zuspätkommen klüger sein (wie immer). Die Auguren waren guten Mutes, die Vögel flogen hoch, die Rituale liefen ab wie gehabt: Reden, Sekt, Gruppenbild mit Politikern + Architekt + Modell, Schwüre. Und Termine: Bereits 1995 werde Teil I des Kulturzentrums realisiert sein, lächelte der Minister in die Runde. Also, voran! Endlich!

Heute, viereinhalb quälende Jahre später, vermodern die roten Ohren im Archiv. Die Euphorie ist dahin, das Modell verstaubt, das Museumsquartier halb tot (oder halb lebendig, je nachdem, mit welcher Sorte Temperament man ausgestattet ist). Müdeintrigiert von den einen, krankgeredet von den anderen. Kaputtprogrammiert, in Grund und Boden musealisiert, verschleppt. Eine Ruine also, noch bevor ein einziger Kubikmeter Erde bewegt wurde – aber!

Aber! Immer noch viel zu wichtig für dieses Land, als daß man es begraben sollte als vertane Chance – und sich melancholisch damit trösten, daß die Wiener des Jahres 2080 schon noch um ihr Museumsquartier weinen werden, wie sie heute um das Historische Museum Otto Wagners weinen, das sie um die Jahrhundertwende demontiert haben. Also ran, an den Ort des Geschehens.

Wien, Messeplatz, Ecke Mariahilfer Straße. Hier, an der Grenze zwischen 1. und 7. Bezirk, ist ein eigenartiges Riesending gestrandet, von dem die Umgebung nicht viel mehr zu sehen bekommt als eine elendslange, rund 350 Meter messende Fassade – der Rest des zwischen 83 und 150 Meter tiefen Winkelwerks aus Trakten, Höfen und Hallen liegt dahinter verborgen. Es gibt kaum Eingänge, geschweige denn Passagen, unüberwindlich liegt es da, das Areal, wie eine Sperre, um die einen großen Bogen zu machen sich die Wiener längst angewöhnt haben.

Das eigenartig sperrige Ding stammt aus den Jahren 1719 ff., wurde geplant und gebaut für die kaiserlichen Pferde – und zwar vom Säulenheiligen des österreichischen Barocks, Johann Bernhard Fischer von Erlach (Karlskirche!), weitergebaut (und vereinfacht) von seinem Sohn Joseph Emanuel FvE und diversen Baumeistern des 19. und 20. Jahrhunderts. Lange schon heißen die "ehemaligen Hofstallungen" im Volksmund "Messepalast", denn seit über siebzig Jahren haust hier die Wiener Messe. Sie devastierte hier ein bißchen, asphaltierte da die Höfe zu Parkplätzen, baute schon mal eine Halle rein. Einige Trakte vermietete sie an Privatiers, ein Beisel gesellte sich dazu, das Institut für Humanökologie. Bis schließlich aus den 45 000 Quadratmetern etwas völlig Paradoxes geworden war: ein architektonisch unstrukturiertes Stück Irgendwas mit Barockfassade davor. Peripherie, mitten in der Großstadt. Ein vergammeltes Märchenfassadenschloß, in dem ein paar Kastanienbäume rauschten, der Putz bröckelte, ab und zu die Messebesucher durchtrabten. Die privilegierte Truppe genoß ihre günstigen Mieten und war froh, daß sie ihre Ruhe hatte. Die ließ man ihnen auch, denn so extensiv sie es sich in ihrem Hinterland bequem machte, so sklavisch respektierte sie eines: die Firstlinien der feingliedrigen, nur zwei Stockwerke zählenden Fassade (FvE!). Über die streckte sie nichts hinaus. Nur Ruhe! Und: verschwinden!

Anfang der siebziger Jahre wurde die zweifelhafte Idylle zwar entdeckt, es brauchte aber vier Minister, bis aus der vagen Ahnung der Republik, daß man den Messepalast museal und kulturell nutzen könnte, ein klar formuliertes Konzept wurde. In Filmen folgt in Momenten wie diesen, da man sich die mühselige Schilderung jener Schrittchen ersparen will, mit denen die Wirklichkeit vorankrebst, gerne ein bedeutungsvoller Schnitt. Also.

Heute, da selbst die kritischsten Kritiker anerkennen, daß der Messepalast der beste Wiener Ort für ein Kulturzentrum ist, kann man nicht verstehen, wie das so lange niemandem aufgefallen ist. Denn die ehemaligen Hofstallungen liegen 1.) in idealer Halbdistanz zur Inneren Stadt – für jeden leicht erreichbar, ob nun zu Fuß oder per U-Bahn. 2.) bilden sie den Abschluß eines imposanten Kulturbezirks, der im Zentrum (nun kramen Sie rasch ihren Stadtplan hervor, wir warten so lange) mit der Nationalbibliothek auf dem Josefsplatz beginnt (gefunden? gut!) – und von da an muß man sich schon sehr bemühen, nicht jenen Institutionen zu erliegen, die den Flaneur Station für Station in Richtung 7. Bezirk lotsen: Spanische Reitschule, Schatz-, Hofjagd- und Rüstkammer, Ephesos-, Völkerkunde- und so fort -museum (allesamt in der Hofburg untergebracht). Direkt vor der Haustüre des Messepalasts schließlich stehen zwei weitere Unwiderstehliche und Vielbesuchte: das Kunst- und das Naturhistorische. Das Volkstheater sowie Peymanns Burgtheater liegen auch ganz nah.

Eine geballte Ladung Kultur also, die nur eines braucht, um perfekt zu sein: eine Ergänzung ins Moderne, ins Zeitgenössische hinein. Da trifft es sich 3.) gut, daß die einzige dementsprechende Wiener Einrichtung (Museum Moderner Kunst) auf zwei kleine, als Museum ungeeignete, weit voneinander getrennte Standorte aufgeteilt ist – ergo seit Jahren aus dem Lamentieren nicht herauskommt; und daß 3.b) eine feste Kunsthalle für Wechselausstellungen ebenso fehlt wie ein Medienzentrum – aber das nur nebenbei.

Also lobte die Republik einen zweistufigen internationalen Wettbewerb aus, den schließlich der Linzer Architekt Laurids Ortner gewann. Und das aus gutem Grund. Das ehemalige Mitglied der Künstler-Architektengruppe "Haus-Rucker-Co" hatte nämlich gemeinsam mit seinem Bruder Manfred für jeden Bauherrnwunsch einen eigenständig-klaren, zurückhaltend-eleganten Einzelbau entworfen – weit entfernt von jenen insektenäugigen Sehapparaten und aufblasbaren Wohnmaschinen, mit denen die HRC-Aktionisten in den späten Sechzigern Wien irritiert hatten.

Was das Projekt von Ortner & Ortner so unwiderstehlich machte, war, daß sie ihre Bauvolumen schlüssig auf dem schwierigen Areal, das da so streng vom Barock umgrenzt wird, angeordnet hatten. Und zwar nach einem ausgefeilten System, das den zwei bedeutungsvollen, ja politischen Achsen folgte, die sich in den Ex-Hofstallungen schneiden. Die eine Achse wird durch das imperiale "Kaiserforum" gebildet, jene von Gottfried Semper 1869 entworfene Anlage also, die zwischen der Hofburg, seinem Natur- und Kunsthistorischen Museum sowie den Ex-Hofstallungen (als krönendem Abschluß) einen Platz aufspannt, der so riesig ist, daß alle, die sich da bewegen, sogleich aufs eindrucksvollste verzwergen. Imperial eben. Der bürgerliche, kleinteilige 7. Bezirk wiederum, der schräg auf den Rücken des Barockbaus zuläuft, bildet die zweite Achse. Der Messepalast also: eine Art stadträumliches Gelenk, eine Art verquollener Handschlag zwischen Kaiser- und Bürgertum, an dem vielerlei zerrt und auf dem noch viel mehr lastet – der in seinem Rücken liegende 7. Bezirk etwa, angesiedelt auf einem zehn Meter höheren Niveau (von dem Napoleon einst Wien beschossen hatte).

Entsprechend den Achsen und der Stadtkante ordneten nun die Ortners ihre eleganten Bauvolumen: links (von der Fassade aus gesehen) das kubische, mit einer abgespreizten Glashülle überfangene Moderne-Museum (es nimmt die Kaiserforum-Achse auf, steht also frontal zur Fassade); in der Semperschen Zentralachse die Veranstaltungshalle (schräg); rechts die schräg zum 7. Bezirk hin orientierte Schachtel der Kunsthalle; und mittendrin ein 67 Meter hoher, durchscheinender, campanileartiger Turm mit ellipsenförmigem Grundriß, das Lese- und Informationszentrum (schräg) – gedacht zur Brechung der imperial-symmetrischen Gesamtanlage und als Gegengewicht zum (unsprengbaren) Weltkrieg-II-Flakturm im 7. Bezirk. Alles das schön sichtbar über die Fassade hinausragend (was für ein Sakrileg!). Schließlich stellten die Architekten sogar noch einen Fuß vor die Fassade: das Medienzentrum, links, zur großen Shoppingmeile Mariahilfer Straße hin, um zu zeigen, daß die verschnarchten Zeiten endgültig vorbei sind.

Den Rest des umfassenden Raumprogramms verlagerten die Ortners in den Altbestand, der im wesentlichen unberührt bleiben sollte – bis auf ein paar Zubauten aus jüngster Vergangenheit. Im übrigen durchlüfteten sie die unüberwindliche Sperre, schufen Passagen von hier nach dort, erschlossen damit ein Riesenstück neues Wien, legten Parks an, pflanzten Baum und Strauch, verlagerten den Lieferverkehr unter die Erde, planten Kaffeehäuser und Spielplätze – das alles in so lebensfroher, abwechslungsreicher Art und Weise, daß man damals, im April 1990, am liebsten gleich seine Koffer gepackt hätte, um eine der Wohnungen zu beziehen, die es auch geben sollte. Den Ortners war gelungen, was die Republik sich gewünscht hatte: eine würdige Selbstdarstellung, zeitgenössisch-selbstbewußt gegenüber der barocken Bausubstanz und doch in würdigem Respektabstand zu ihr. Ach, dieser April!

Nun also die Kritiker. Sie sind uns ja schon die ganze Zeit über gefolgt, mehr oder minder unsichtbar, knisternd im Unterholz. Lange wagten sie sich nicht ins Freie, tauchten erst ganze zweieinhalb Jahre nach dem Wettbewerb massiert auf. Anfangs waren sie noch ein Haufen versprengter Leute gewesen, Anrainer, die nicht wußten, was in den Ex-Hofstallungen passieren sollte und daher erst mal präventiv dagegen waren. Dann kamen Bürgerinitiativen, Freaks und Querulanten, gekränkte Architekten, die beim Wettbewerb gescheitert waren und nun mit ihren (gescheiterten) Konzepten einer "sanften" Renovierung hausieren gingen; vernünftige Warner, deren Einwände sich benutzt fanden gegen ihren Willen. Keine Situation, in der das rationale Argument nicht etwas hätte ausrichten können.

Dann aber mischte sich die Kronen Zeitung ein: "Gegen Skandalbau im Messepalast". Eine Katastrophe, vor der sich die Freunde des Projekts stets gefürchtet hatten. Denn die Krone ist mehr als nur ein mieses Boulevardblatt, das jede rationale Debatte durch ihr bloßes Erscheinen killt. Sie ist eine politische Macht, legitimiert durch nichts als ihre rund zweieinhalb Millionen Leser und die blanke Angst, die Österreichs Politiker vor ihr haben. "Monsterprojekt zerstört Wien" – in dieser Manier schoß sie sich auf das Projekt ein. Und hörte bis heute nicht auf damit. Unter den Snipern (getarnt hinter Pseudonymen) ihr Miteigentümer und Chefredakteur Hans Dichand, der selbst einmal ein gutbezahltes Messepalastkonzept für die Republik gebastelt hatte, das dann nicht realisiert wurde. Ein anderer Kulturkämpfer heißt Günther Nenning: "Pseudomoderne Türme und Bauklötze", schrieb er in seiner Krone-Kolumne namens "anders gesehen". Die ästhetischen Kategorien für ihre Polemiken zogen Nenning & Co aus der Vision, die Ex-Hofstallungen wieder mit Pferden zu besiedeln ’(und, damit ihnen nicht langweilig werde, sie eine Straßenbahn ziehen zu lassen zwischen Westbahnhof und Messepalast).

So wirr, polemisch und absurd ihre Argumente auch sein mochten – auf ein (angebliches) Faktum kamen alle Kritiker stets zurück: die Authentizität des Barockbaus des hl. Fischer von Erlach. Ein Juwel, in sich perfekt, aus einem Guß. Deshalb sei der kaiserliche Bau auch sakrosankt. Nur renovieren dürfe man ihn und sonst nichts. Eine Republik, die die ehemaligen Hofstallungen verändere, sei von der Barbarei nicht weit entfernt.

Friedrich Achleitner sitzt in seiner Dachwohnung im 1. Bezirk und wiegt müde den Kopf. Vernünftig sein ist anstrengend. Er, der allseits respektierte Architekturhistoriker, der seit dreißig Jahren am Standardwerk zur österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts schreibt, hat immer wieder dazu aufgerufen, die Ortners endlich bauen zu lassen, was sie da so klug entworfen haben. Die Ortners, sagt Achleitner, hätten sich intelligent auf die Gegebenheiten eingelassen, sie weitergesponnen,, ohne das alte System durch ein neues zu ersetzen. Erfreulich, daß das lange versperrte Areal endlich geöffnet worden sei. Eine Schande, wie oft man die Architekten schon mit Umplanungen gequält habe. Und wie geduldig die beiden.

Schließlich setzt Achleitner sich zurecht und dekonstruiert jenen Mythos, den die Kritiker des Museumsquartiers vor sich hertragen wie einen Schild: Schon das 18. Jahrhundert habe das Dach des sakrosankten Fischer verändert. Vom Rest des Komplexes ganz zu schweigen: nichts als Zu- und Umbauten. Wie die Hofburg, das Baujuwel der Inneren Stadt, wie das zitierte Kaiserforum – alles Stückwerk, alles Collagen der Jahrhunderte, die die Generationen in jeweils ihrem Stil um- und weitergebaut haben, genauso wie es die Republik nun mit dem Barockbau vorhabe. Kein Argument?

"Es ist ein Wiener Phänomen, daß ununterbrochen Dinge gerettet werden, die es eigentlich nicht gibt", sagt Achleitner und zuckt zur Abwechslung einmal müde mit den Schultern. Und selbst wenn es sie gäbe, diese Dinge, würden sie ihre Verteidiger nicht im jeweiligen Kontext sehen: So wird etwa der grazile Barockbau seit Mitte des 19. Jahrhunderts von den beiden Riesenklötzen Natur- und Kunsthistorisches in die Zange genommen, daß es eine Art hat, lastet der Flakturm auf ihm. Der Fischer-Bau sei den Kritikern in Wirklichkeit immer egal gewesen: Wer habe denn gegen die siebzig Jahre Wiener Messe protestiert? Gegen die Asphaltierer und stillen Demolierer? Na eben: niemand.

Schließlich kramt Achleitner ein Büchlein hervor. Es heißt "Die rückwärtsgewandte Utopie: Motor des Fortschritts in der Wiener Architektur?", ein Vortrag, den er vor einem Jahr gehalten hat. Darin Passagen wie: Es müsse "die Hundertschaft von Kunsthistorikern bereit sein, von der Utopie einer barock-imperialen Museumslandschaft Abstand zu nehmen und die Realität der baukulturellen Wirklichkeit zu sehen". Die Realität sehen, pah! Wo kämen wir da hin, hier, in Wien!

Mit der Zeit wurde die Republik mürbe. Und begann nun/ihrerseits damit, das Projekt zu demontieren. Nicht, daß sie es gekippt hätte, nein. Aber sie suchte Strategien, der Krone das fragile Ganze doch noch verkaufen zu können. Und saß damit in der Falle, ohne es zu ahnen. Denn welchen Körperteil man Gegnern wie diesem auch als Opfer anbietet – sie wollen immer nur das eine: den Kopf. So nutzte es nichts, daß die Republik erst mal ersatzlos das Medienzentrum vor der Fassade strich; das Moderne-Museum um zwei Meter verkleinerte und deutlich in die Tiefe des Areals rückte, den Leseturm um rund zehn Meter kappte. Vergeblich. Der Radau blieb. Dann zog sich die Republik von der Finanzierung jener Freihandbibliothek und Computerterminals zurück, die den Leseturm mit Leben füllen sollten – und stand plötzlich mit einer schönen, aber leeren Hülle da. Immer ängstlicher duckte sie sich hinter die Barockfassade, machte sich klein und vermied jede Form der Öffentlichkeit, geschweige denn der Öffentlichkeitsarbeit: Es schwiegen der zuständige Minister, der Direktor des Moderne-Museums und mit ihm die künftigen Nutzer des Areals. Irgendwie durchgehen, es würde schon gehen. Aber es ging nicht.

Also versuchte es die Republik mit einem Gewaltakt und beschloß im Juli dieses Jahres, endlich zu erwerben, worum sie sich so lange herumgedrückt hatte: jene zum Mythos stilisierte Sammlung österreichischer Moderner, die der Kunsthistoriker und Augenarzt Rudolf Leopold zusammengetragen hatte – in vierzig fanatischen, allein diesem einen Lebenszweck gewidmeten Jahren. Und tatsächlich, die Sammlung geriet imposant, umfaßt allein über 600 Ölbilder aus der strahlenden Epoche von 1880 bis 1920. Klimt vor allem und Schiele, von dem der heute 69jährige Leopold 52 Ölbilder zusammentrug, außerdem Kokoschka, Gerstl und und und. 2,2 Milliarden Schilling, etwa die Bausumme des Museumsquartiers, ließen sich Republik und Nationalbank die Sammlung kosten.

Dann des Gewaltakts zweiter Teil: Man setzte die Sammlung Leopold an die Stelle der Veranstaltungshalle, also direkt ins Zentrum des Museumsquartiers, räumte ihr beinahe so viel Ausstellungsfläche ein wie dem ganzen Museum Moderner Kunst und machte den Sammler zum Direktor – auf Lebenszeit. Was für ein Zeichen! Das sollte doch die Kritiker, das sollte doch Leopolds Freund, den Krone-Chefredakteur Dichand, endgültig beruhigen. Tat es aber nicht. Denn nun war endgültig klar, daß die Zeitgenossen unterlegen waren. Die Bewahrer hatten gesiegt, und die Mitte, das Herz des Kulturbaus, war besetzt. Einem bereits summenden Museumsquartier hätte die Sammlung Leopold die nötige Popularität verliehen, sie hätte geholfen, die reinen Konsumenten von Kunst auch für Sperriges zu interessieren. Nun aber, so singulär ins Zentrum gesetzt, verwandelte sie den Charakter des ganzen Projekts, machte aus der interaktiven Kulturmaschine ein Museum, ein aufs passive Schauen reduzierte Bilderdepot.

Eine folgenschwere Mutation, mit der auch die zeitgenössische architektonische Hülle immer schwerer zu legitimieren wurde. Schließlich zog der Sammler Leopold, ohne daß er es wollte, andere nach: So plant man mittlerweile, den luftiglichtdurchfluteten Lese- zum Ausstellungsturm zu machen, ihn mit Tafelbildern aus der Sammlung des Unternehmers Karlheinz Essl zu bestücken. "Absolut mittelmäßig" nannte der Künstler Peter Weibel die Kollektion österreichischer Malerei im profil. Und auch Chefredakteur Dichand hat bereits angeboten, seine Klimts und Schieles im Musquartier zu deponieren. Der konzeptionelle Kopf des ganzen, Geschäftsführer Dieter Bogner, hat diese Invasion des heimischen Tafelbilds nicht mehr lustig gefunden und im August seinen Job hingeworfen. Seine lapidare Begründung: "Das Museumsquartier ist verösterreichert, sein internationaler Anspruch verschwunden." Jetzt, zwei Monate später, geht es ihm gut, und er mischt in deutschen Museen mit.

Endzeitstimmung also. Doch als wäre die Lage nicht schon trist genug, ließ nun auch noch die Stadt Wien das Museumsquartier im Stich. Was aber eigentlich zu erwarten gewesen ist, denn Wien, dieser Profiteur von jeder Sorte republikanischen Kulturhaus, hatte von Anfang an ein mieses Doppelspiel gespielt. Förderte erst das staatliche Projekt, wünschte sich gar eine Kunst- und Veranstaltungshalle. Hintertrieb es dann wieder, wollte das Medienzentrum herausbrechen, um es jenseits der Donau anzusiedeln, dachte laut und grundsätzlich über den Sinn des Ganzen nach, dementierte wieder, dementierte das Dementi.

Nun aber – und damit sind wir endgültig in jener Gegenwart angelangt, in der jeder Tag etwas Neues bringen kann – will die Stadt das New Yorker Guggenheim Museum nach Wien locken, ihm eine Dependance bauen, wo ursprünglich das Medienzentrum hinsollte – im neuen, kulturell öden Stadtentwicklungsgebiet jenseits der Donau, weit vom Museumsquartier entfernt und doch eine existentielle Konkurrenz. Der Architekt Hans Hollein hat kürzlich einen Entwurf dafür präsentiert, den sowohl Guggenheim-Direktor Thomas Krens als auch die Stadt ganz ausgezeichnet finden; jener Hans Hollein, der im Architektenwettbewerb fürs Quartier nicht zum Zug gekommen ist, weil er mit seinem Projekt nicht fertig wurde. Und weil man in Wien gerade so schön demontiert, soll auch gleich die Veranstaltungshalle mit übersiedeln. Und Hollein plant bereits. Ein Anschlag aufs Museumsquartier? Ach was, sagen die lächelnden Stadträte und die lächelnden Politsekretäre und schauen treuherzig drein. Ende November soll eine Machbarkeitsstudie vorliegen. Und die Auguren melden, Hollein sei machbar.

Helmut Zilk, eben erst in die Pension entschwundener Wiener Bürgermeister, ist da direkter. Er hat dem Museumsquartier via Medien ausrichten lassen, es habe sich ab sofort als mausetot zu betrachten. "Sanfte Renovierung", das stehe nun an. Also, Turm weg, Museum weg, alles weg. Er weiß sich dabei eines Sinnes mit seinem Nachfolger Michael Häupl. Der sagte kürzlich der Illustrierten News: "Das Projekt von Ortner, der Leseturm, ist nicht Ausdruck sozialistischer Kulturpolitik, sondern Schrott." Was für ein schöner Zufall, daß es bereits einen sanften Renovierer gibt. Er heißt Wilhelm Holzbauer, hat die Villa des Chefredakteurs Dichand gebaut und jenes Projekt mitgebracht, das schon beim Architekturwettbewerb keiner haben wollte. Er wurde nicht müde, es allen als den wahren Sieger des Wettbewerbs anzudienen. Jetzt könnte aus diesem oder einem ähnlichen "Niederlageprojekt im doppelten Wortsinn" (Bogner) doch noch etwas werden: ein Quartier, das ängstlich sich versteckt hinter jener ebenso realen wie symbolischen Fassade, die in dieser Stadt alles ist.

Wien, im November 1994. Wer weiß, was eben passiert? Die Vögel sind nicht zu sehen im dichten Nebel. Fliegen sie hoch? Sind sie verschwunden? Fallen sie gerade vom Himmel, schwer wie Steine? Wer weiß. Nur die Ohren glühen uns, rot vor Kälte.