zenen aus einem politischen Krimi? Nein, italienische Wirklichkeit: "Ich habe niemals jemanden bestochen! Ich trete nicht zurück!" So verkündete es, ohne das übliche überlegene Lächeln, Ministerpräsident Silvio Berlusconi über alle Fernsehkanäle, während in derselben Nacht zum vorigen Mittwoch eifrige Polizisten die Redaktionsräume des Mailänder Corriere della Sera nach Spuren eines Geheimnisverrats durchsuchten.

Diese größte seriöse Zeitung des Landes hatte am Morgen des 22. November mit Schlagzeilen angekündigt, daß, dem Regierungschef ein Ermittlungsbescheid der Schmiergeld-Untersuchungsrichter ins Haus stehe mit der Aufforderung, sich einem Verhör zu stellen. Schon am Nachmittag traf das heiße Papier tatsächlich im römischen Regierungspalast ein, zur selben Stunde, als Berlusconi in Neapel eine Konferenz von 140 Staaten der Welt leitete. Thema: Bekämpfung des internationalen organisierten Verbrechens.

Neu ist nichts, was die Justiz von dem zum Spitzenpolitiker mutierten Großunternehmer genauer wissen möchte. Schon im Sommer hatte sein kurzfristig verhafteter Bruder Paolo bestätigt, daß 1991/92 einige hundert Millionen Lire aus Berlusconis Firmenkassen in den privaten Taschen hochrangiger Steuerfahnder landeten, um diese zu besänftigen. Nein, nicht bestochen habe man die Finanzpolizisten, beteuerte damals schon Paolo Berlusconi, vielmehr sei man von diesen mit der Drohung, die Firmen zu ruinieren, erpreßt worden. Und der große Bruder, nun in der großen Politik, habe überhaupt nichts davon gewußt.

Kein Wunder also, daß dies die Justiz von Silvio Berlusconi selbst – und etwas genauer – wissen will. Doch warum erst jetzt? Gerade jetzt, da er mit seiner Regierungskoalition, in der es unentwegt kriselt, mühsam um Vertrauen ringt, um einen Sparhaushalt und sich selbst über die Parlamentshürden zu bringen?

Berlusconi behauptet kühn, es sei da ein "infamer Mißbrauch der Justiz" zu politischen "Tiefschlägen" im Gang, nur weil er und die Seinen keine "Partei-Politikaster, Berufsdemagogen und Klatschmäuler der ersten Republik" seien. Auflösen werden sich alle Verdächtigungen, so weissagte er, "wie eine Seifenblase". Freilich, noch mehr als alle seine Vorgänger versteht sich Berlusconi auf solch trügerische Wundergebilde.

Hansjakob Stehle