Von Christoph Bertram

Es war der sechste und machtvollste Einsatz von Nato-Flugzeugen seit Beginn des Balkankriegs. Am vergangenen Montag starteten 39 Jets zum Angriff auf den Flugplatz Ubdina im serbisch kontrollierten Teil Kroatiens. Die Start- und Landebahn wurde "funktionsunfähig" geschossen, eine Reihe naher Luftabwehrstellungen zerstört. Alle Nato-Flugzeuge kehrten unversehrt zu ihren Stützpunkten zurück. Der amerikanische Präsident Clinton bezeichnete den Einsatz als "starke und völlig angemessene Antwort".

In Wahrheit jedoch offenbarte diese Demonstration der militärischen Macht des Westens nur erneut, wie sehr die Nato inzwischen zur Geisel des Balkankrieges geworden ist: gleichermaßen unfähig, den Konflikt zu beenden wie sich ihm zu entziehen, und dazu verdammt, hilflos zuzusehen, wie er den westlichen Zusammenhalt stetig aushöhlt.

Manfred Wörner, der im August verstorbene Nato-Generalsekretär, hatte gewarnt: "Ein zweites Jugoslawien wird die Nato nicht überleben." Nun droht die Gefahr, daß sie schon durch den ersten europäischen Krieg nach dem Fortfall des Ost-West-Konfliktes schwer angeschlagen wird.

Die Schuld daran schieben die Amerikaner und Europäer gern einander zu. Als Präsident Clinton am 13. November um fünf Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit den drei US-Schiffen, die mit dreizehn europäischen Nato-Einheiten das Waffenembargo der Uno gegen alle Nachfolgestaaten Jugoslawiens zur See durchsetzen sollen, den Befehl gab, Waffenlieferungen für die bosnischen Muslime künftig passieren zu lassen, war der Aufschrei in Europa groß. Umgekehrt rechtfertigten die Vereinigten Staaten ihr Ausscheren damit, gerade Frankreich und Großbritannien hätten ständig verhindert, daß der Schutz für die bedrängten Muslime in Bosnien und der Druck auf die bosnischen Serben verstärkt würden.

Das innerwestliche Zerwürfnis ist nicht neu. Es offenbarte sich schon, als der Balkankrieg im Sommer 1991 entflammte. Damals erklärte die Weltmacht Amerika den Konflikt zu einer europäischen Angelegenheit; das westliche Bündnis war damit lahmgelegt. Erst als die Kämpfe im April 1992 auf Bosnien übersprangen und Sarajevo unter serbisches Dauerfeuer geriet, schien die damalige Regierung Bush vorsichtig dem Gedanken einer militärischen Intervention näherzutreten. Aber bevor er auch nur konkretere Formen annehmen konnte, hatten Franzosen und Briten den Bosnienkrieg zur ausschließlich humanitären Aufgabe erklärt, zu einer Herausforderung der Menschlichkeit, nicht der Sicherheit.

Die Antwort eines mächtigen, aber uneinigen Westens wurde so zur Antwort der machtlosen Vereinten Nationen. Heute stehen im früheren Jugoslawien 40 000 Blauhelm-Soldaten, davon rund 23 000 in Bosnien-Herzegowina, die, weil sie den Frieden nicht erzeugen können, den Krieg ertragen müssen. Dort, wo es geht, schützen sie humanitäre Hilfstransporte, überwachen löchrige Waffenstillstände und müssen im übrigen an die Kriegsparteien appellieren, sie bei dieser Tätigkeit nicht allzusehr zu behindern.