Von Jens Reich

Nachdem sich die erste Euphorie über die Maueröffnung gelegt hatte und alle DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld abgeholt und ausgegeben hatten, stellte sich die Frage: Wie soll es nun weitergehen? Gefordert waren schnelle Entschlüsse, wenn der fortgesetzte Exodus Tausender junger Leute durch die durchlässige Grenze nicht die Antwort geben sollte: den völligen Kollaps der DDR mit unabsehbaren sozialen und politischen Folgen.

Unsere Lagebeurteilung nach der Maueröffnung geht aus einem Flugblatt hervor, das ich entworfen hatte und das namens des Neuen Forums am 12. November veröffentlicht wurde. Die Einleitung lautet: "Auf diesen Tag haben wir fast dreißig Jahre gewartet! Mauerkrank haben wir an den Gitterstäben des Käfigs gerüttelt. Die Jugend wuchs mit dem Traum auf, einst frei zu werden und die Welt zu erfahren. Dieser Traum wird jetzt erfüllbar sein: Es ist ein Festtag für uns alle!" Diese Darstellung entsprach der Stimmung der vergangenen Wochen: friedlicher Aufstand für Freizügigkeit und Freiheitsrechte. Im zweiten Absatz des Flugblatts allerdings bewegten wir uns weg von der Mehrheit. Das bedarf heute einer Erklärung, weil die Vorwürfe, wir hätten einen "dritten Weg" in der DDR gewollt, zu kurz greifen.

Wir befürchteten eine Entwicklung ähnlich der Zeit vor der Mauer: eine inflationäre Ost-Mark, Abwanderung von Arbeitskräften, Schieberei und Schmuggel. Das Flugblatt warnte deshalb, sich vom demokratischen Neuaufbau ablenken zu lassen. Wir empfanden die plötzliche Maueröffnung als politisches Ventil und als Bestechungsversuch der Machthaber zur Rettung ihrer Herrschaft.

Die Wiedervereinigung Deutschlands, also der Rückgriff auf noch ältere Zeiten vor dem Kalten Krieg, war für uns ein Tabu. Heute kann man darüber lachen. Damals aber stand noch ein Millionenheer von Soldaten des Warschauer Vertrages bereit, und wir hatten tief eingegrabene Erinnerungen: das Ende des 17. Juni 1953, das Ende des ungarischen Oktober 1956, das Ende des Prager. Frühlings 1968, den polnischen Bürgerkrieg gegen die "Solidarität" von 1981.

Diese Ereignisse hatten uns gelehrt, daß man nicht durch zu weit reichende Forderungen den Herrschenden einen Vorwand zur gewaltsamen Verteidigung ihrer Interessen liefern durfte, die sie als "Machtfrage" und "Sozialismus" definierten. Die Abschaffung des Sozialismus hieß für die DDR, nach einem damals vielbeachteten Ausspruch des ZK-Ideologen Otto Reinhold, das Ende ihrer Existenz. Das wurde im Westen mit Hoffnung vernommen, für uns war es eine Drohung: Geht ihr gegen die "sozialistischen Errungenschaften", dann bedroht ihr nicht nur die Existenz der DDR, sondern auch den Warschauer Pakt und löst damit jene Reaktion aus, die schon mehrmals zu Jahrzehnte währenden Rückschlägen geführt hatte. In unseren Augen war vorsichtige Diplomatie statt revolutionären Ungestüms die notwendige Taktik. Niemand konnte wissen, wann und wie Gorbatschow reagieren würde und welcher Druck militärischer Kräfte auf ihm lasteten.

Es war solche Vorsicht und nicht die Lust am Experimentieren mit einem "dritten Weg", die uns zögern ließ, als in den Novemberwochen der Ruf nach Vereinigung ertönte. Dabei opponierten wir allerdings auch gegen die Akzentverschiebung, die den Wechsel von der selbstbewußten Bürgerbewegung wider den Obrigkeitsstaat ("Wir sind das Volk!" – Betonung auf wir) auf eine Volksbewegung zur Wiederherstellung der Nation ("Wir sind ein Volk!" – Betonung auf ein) markierte. Beide Losungen widersprechen sich nicht, sie können durchaus nebeneinander bestehen; jedoch bedeutet die Verdrängung der ersten durch die zweite letzten Endes die Abgabe der Handlungsvollmacht nach Bonn. Das Subjekt des Handelns machte sich zum Objekt.