KÖLN. – Fast eine Dreiviertelstunde dauerte es, bis Sascha das halbe Butterbrot gegessen hatte. „Manchmal brauchen wir noch viel länger“, sagt Brigitte Kalay, seine Mutter. Sie hat den Jungen gefüttert. Denn der Fünfjährige ist schwerst behindert. Er kann sich nicht bewegen, nicht einmal krabbeln. Zudem ist er blind, und nachts wird Sauerstoff in seine kranke Lunge gepumpt. Sascha versteht kein Wort und wird es wohl auch niemals können. „Teile seines Gehirns wurden von Bakterien zerfressen“, sagt Brigitte Kalay, „und schuld daran ist das Krankenhaus.“

Doch in dem Krankenhaus, in der Kinderklinik an der Amsterdamer Straße, fühlt sich niemand verantwortlich. „Für ein Verschulden eines unserer Mitarbeiter gibt es keinen Anhaltspunkt.“ Mit fester Stimme kommentiert Horst Gausmann, Verwaltungsdirektor der Kölner Kliniken, jenes Drama, das sich am 9. Dezember 1989 in der Frühgeborenenstation C 5 abgespielt hat. Zehn Säuglinge, alle „extrem früh geboren“ (Klinikchef Professor Felix Bläker), erhielten eine Infusion, die mit der Fäkalbakterie Enterobacter cloacae verseucht war. Vier Babys starben an der Blutvergiftung. Sechs überlebten, zumindest zwei davon mit schwersten Behinderungen.

Erst vor wenigen Tagen, durch einen Zeitungsbericht, erfuhr die Staatsanwaltschaft, was vor fünf Jahren geschehen war. Ermittelt wird jetzt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung. Eine strafrechtliche Verfolgung wäre beinahe an der Verjährungsfrist gescheitert. Die läuft Mitte nächsten Monats ab.

Dabei hatte sich im September 1991 sogar der städtische Gesundheitsausschuß mit dem Thema beschäftigt – 21 Monate nach dem Drama. Informiert wurden die Politiker der Ratsfraktionen aber nur, weil die Enthüllung durch ein TV-Magazin zu drohen schien. „Einstimmig wurde die Mitteilung vom Ausschuß zur Kenntnis genommen“, heißt es im Protokoll der nichtöffentlichen Sitzung. Die Politiker ließen die Sache auf sich beruhen.

Auch Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes erfuhr erst jetzt von den Infektionen. ‚,Ich habe den Eindruck, hier sollte etwas unter den Tisch gekehrt werden“, erboste er sich, „wieso sonst werden solch brisante Informationen amtlichen Stellen jahrelang verschwiegen?“ Für jede Kleinigkeit werde das Präsidium als Aufsichtsbehörde der Stadt sonst angeschrieben: „Nur hier meldete sich niemand.“

Aber nein! Nichts sei verheimlicht worden, beschwichtigte Gesundheitsamtschef Jan Leidel. Es habe weder die Pflicht noch die Notwendigkeit bestanden, das Geschehen andernorts zu melden: „Denn eine Gefahr über das Krankenhaus hinaus hat nie bestanden.“ Doch jetzt stellte sich heraus, daß auf den Totenscheinen von zweien der vier gestorbenen Babys ein „unnatürlicher Tod“ vermerkt wurde. Die Polizei wußte trotzdem nichts davon. Dieses „peinliche Versäumnis“ könne heute nicht mehr aufgeklärt werden, meinte Leidel: „Die zuständigen Mitarbeiter arbeiten nicht mehr bei uns.“ Oberstaatsanwältin Regine Appenrodt ist da ehrgeiziger: „Wir werden prüfen, ob es sich um eine schlichte Schlamperei handelt oder ob mehr dahintersteckt.“

Nicht beantwortet ist auch die Frage, wie die todbringenden Erreger in die Infusionen gelangten. In den vom Hersteller gelieferten Chargen waren sie jedenfalls nicht. Die damals zu Hilfe gerufenen Hygieniker der Universität Köln konnten aber auch keinen Hinweis auf einen Fehler des Pflegepersonals finden, berichtete Verwaltungsdirektor Gausmann jüngst in einem Fachausschuß: „Deshalb haben wir die Sache als normales Geschäft der laufenden Verwaltung betrachtet.“ Die städtische Dezernentin Ursula Christiansen pflichtete ihm bei. Wegen „dieses Einzelfalls“ habe man, etwa durch eine Veröffentlichung, den guten Ruf der Klinik doch nicht riskieren können: „Das hätte den Kindern auch nichts mehr genutzt.“