Nackt stürmt ein junger Mann auf die Bühne. Da ist – nach fünf Minuten – die (noch anderthalb Stunden lang weilende) Aufführung des Stücks "Straßenecke" in Stuttgart schon zu Ende. Ja, Hans Henny Jahnns Dramen kreisen mit monomanischer Wut um Rausch und Qual animalischer Geschlechtlichkeit. Aber der am 17. Dezember vor hundert Jahren geborene Hamburger schreibt noch seine wildesten Wunsch-Angst-Träume im hochgeschlossenen Anzug des bürgerlichen Literatur-Revolutionärs. Aufgeknöpft, ausgezogen, in der weniger paradiesischen als unerotisch trimm-freudigen Nacktheit von FKK-Stränden ist Jahnn nicht zu haben. Ein Theater, das sich Jahnns Trauer-Hymnen auf das Fleisch mit Kopulations-Kaspereien anbiedert, hat schon verloren.

Eine kichernde, gackernde, in Singsang flüchtende Gesellschaft von Vogelscheuchen umkreist den im Abwasserloch hockenden "Neger", die Hauptfigur des 1931 erschienenen Passionsspiels "Straßenecke", dessen Uraufführung die Nazis 1934 verboten. Da ist – nach wenigen Minuten – die (noch 90 Minuten quälende) Aufführung am Hamburger Thalia-Theater schon zu Ende. Ja, Hans Henny Jahnns monologische Raserei für 93 Personen (darunter eine sprechende Straßenbahn, "das Trojanische Pferd" und so rätselhafte Gestalten wie "Nachtgedanken sprechen aus ihm", "Taggedanken sprechen aus ihm", mit denen Jahnn den "Inneren Monolog" des Roman-Erzählers für die Bühne lebendig zu machen hofft) – ja, Jahnns "Straßenecke" ist auch ein Stück wütender Zeit- und Gesellschaftskritik. Aber der die hierarchisch-kapitalistischen Strukturen nicht nur seiner Hansestadt durchschauende Hamburger hat die Verhältnisse, denen er sich im bürgerlichen Leben anbequemen mußte, als Gewalt respektiert, ernstgenommen und in all seinen Werken bekämpft. Ein Theater, das Jahnns rauschhaft brodelnde Welt-Klage verkleinert zur Spießer-Satire, zum Panoptikums-Späßchen von blöd grinsenden Klumpfuß-Kretins, ewig lächelnden Schießbudenfiguren in löcheriger Krinoline oder ungepflegter Zopf-Perücke, hat schon verspielt. Kein moralischer Zeigefinger reckt sich bei einem Dichter, der seinen "Neger" (sprich: Türken, Asylanten, Obdachlosen, Penner) klagen läßt: "Es ist ein Fehler an allem Fleisch. Wir können nicht brüllen gegen den Glockenschlag der Himmel."

Natürlich muß man Jahnn nicht spielen. Immerhin hat die späte Uraufführung von "Straßenecke", am 25. Februar 1965 an der Studiobühne Erlangen, mit Studenten; ein damals unbekannter Regisseur gewagt: Claus Peymann.

Jetzt ist Jahnn-Jubel-Jahr. Jubel? Unter dem Zwang des Kalenders beugt sich die Gesellschaft, allenfalls die Wissenschaft über den verqueren Mann und sein monströses Werk wie über einen schweren Pflegefall. Hat dieses zwischen Adler und Tümpel-Ente flatternde Genie nicht für und auf das Theater geträumt? Leben Jahnns Werke für die Bühne nicht nur aus der Sprache?

Also müßten Regisseure her, die aufgewachsen sind mit Luthers Bibel-Deutsch, Klopstocks Hymnen-Ton, dem von Jahnn bewußt eingesetzten Klang der Alltagssprache. Was geschieht (neben ehrenwerten Versuchen sonst): Zwei Regisseure, die Deutsch nicht unbedingt als Muttersprache kennen, Martin Kušej (Stuttgart), Dimiter Gotscheff (Hamburg), sollen leisten, wozu deutsche Theaterleute den Mut nicht haben. Das oratorienhafte Stück wird nie erzählt, sondern als Steinbruch benutzt für sinnlos aneinander gereihte Satz-Fragmente. Wir sehen: in Stuttgart eine keuchende (Nackt-)Revue, in Hamburg klirrende Besserwisserei. Zweimal totes Theater – ohne Schuld der überforderten Regisseure.

Feiges deutsches Theater. Seit Jahrzehnten drückt man sich vor den – brennend aktuellen – Ungeheuerlichkeiten von Jahnns Dramen. In Stuttgart, in Hamburg zu besichtigen: ein Abgrund von Theater-Verrat. Rolf Michaelis