BERLIN. – Der Verband der Berliner Verwaltungsjuristen ist ein honoriger Verein. 500 Staatsdiener zählt er in seinen Reihen – Staatssekretäre, Bezirksbürgermeister, Senatoren. Mit Studienreisen hat der Verband seine Mitglieder inzwischen rund um die Welt geführt: Japan, Südafrika, Rotchina, Neuseeland – kein Flecken dieser Erde blieb unberührt.

Bei so viel Weitgereistheit können heimische Ereignisse schon mal aus dem Blick geraten, Ereignisse wie der Fall der Berliner Mauer, zum Beispiel, oder die Wiedervereinigung. Beide nämlich, so meint die Regierungsrätin Heidrun Kühn, "hat der Verband der Verwaltungsjuristen offenbar noch gar nicht zur Kenntnis genommen". Nur so kann sich die 51jährige Juristin erklären, daß der sie in seine Reihen nicht aufnehmen will.

Dabei wäre Heidrun Kühn ein Verbandsmitglied par excellence: seriös, voller Lebenserfahrung, seit gut drei Jahren im Justitiariat der Berliner Verkehrsverwaltung eine unentbehrliche Expertin. Mitte Oktober warb der Juristenverband denn auch um ihre Gunst: "Bei gutem Wein" und "reichhaltigem Büffet" wollte man die Beamtin gern überzeugen von den mannigfachen Vorzügen der eigenen Organisation.

Noch vor dieser kalorienreichen Werbung schickte Heidrun Kühn ihr Beitrittsformulai ab – zugegebenermaßen nicht ohne Hintersinn. Sie wollte die Probe aufs Exempel machen. Und das Exempel entfaltete sich in voller Pracht: "Sehr geehrte Frau Kollegin", teilte ihr Rolf-Peter Magen, der 1. Vorsitzende des Verbandes höflich-verschroben mit, man könne ihrem Aufnahmeersuchen zur Zeit leider nicht "nähertreten".

Dafür gibt es einen simplen Grund: Regierungsrätin Kühn kommt aus dem Osten. Mit ihrer Ausbildung als Diplomjuristin erfüllt sie die formalen Verbandsanforderungen nicht. Sie kann kein zweites juristisches Staatsexamen vorweisen und hat kein Referendariat absolviert. Wie sollte sie auch – beides gab es in der DDR nicht. Schon 1993 hatte der Verband, dem immerhin 95 Prozent aller Berliner Verwaltungsjuristen angehören, entschieden, daß man Leute ohne anständiges Westexamen nicht in den eigenen Reihen dulden könne. Heidrun Kühn findet das anachronistisch und lächerlich. "Ein lebensnahes Beispiel für die Arroganz, aber auch die Erstarrung bestimmter Westberliner Gruppen und Repräsentanten", nennt die 51jährige eine solche Haltung, denn "obwohl wir jetzt seit fast vier Jahren hier arbeiten, existieren wir für die einfach nicht."

Sein Verein, widerspricht Rolf-Peter Magen, sei nun einmal ein "Lobbyistenverband, der vor allem dafür sorgt, daß die Volljuristen in der Verwaltung angemessen vertreten sind". Auf diesem Weg kann der Standesverband auch Erfolge vorweisen: Zum Schutz der akademischen Volljuristen gegenüber denen, die über ein profanes Studium an Verwaltungsakademien den öffentlichen Dienst erobern wollen, hat der Verband eine Quote durchgesetzt; nicht mehr als ein Viertel der Juristenstellen in der Verwaltung dürfe mit "diesen Aufstiegsbeamten" besetzt werden.

Und wo man schon die "Aufstiegsbeamten" von den Akademien nicht haben will, da kann man mit den merkwürdigen Diplomjuristen aus dem Osten schon gar nichts anfangen. "Die tragen zwar ein ,Jurist‘ in ihrem Namen", urteilt Verbandschef Magen, "aber die können ja nicht einmal den Aufstiegsbeamten das Wasser reichen." Überhaupt – er könne nicht verstehen, warum die Kollegin aus dem Osten "so schroff reagiert": Heute habe doch fast jeder Berufsstand seinen eigenen Verband – "die Masseure und die Steuerberater", da könnten doch auch die Diplomjuristen aus der DDR ihren eigenen Berufsstand gründen.