Rücktritt? Wenn Pierre Suard dieses Wort hört, dann setzt er einen dieser Blicke auf, die wie Pfeile wirken. Dennoch muß sich der sechzigjährige Präsident des großen Siemens-Konkurrenten Alcatel-Alstohm die Frage dieser Tage öfters gefallen lassen. Denn Alcatel, der größte und bisher profitabelste Industriekonzern Frankreichs, ist in den vergangenen Wochen zu einem Modellunternehmen ganz anderer Art mutiert: Ob Korruption, Weltmarkt, Wahlen oder Streiks – alle Probleme, welche die französische Wirtschaft derzeit umtreiben, treffen den Infrastrukturgiganten mit einem Jahresumsatz von 46 Milliarden Mark besonders hart.

In der aktuellen chronique scandaleuse jenseits des Rheins hat mittlerweile fast jedes Großunternehmen sein Kapitel. Doch der Name Alcatel taucht immer häufiger auf. Schließlich wurde Suard sogar vorgeworfen, seine Wohnung indirekt auf Firmenkosten renoviert zu haben.

Die Zeitung Le Monde enthüllte, daß die Schweizer Filiale 1988 knapp eine Million Mark auf ein Geheimkonto der skandalgeplagten Parti Republicain (PR) überweisen ließ, deren Vorsitzender Gérard Longuet kürzlich als Industrieminister zurücktreten mußte. Und der Fernmeldemonopolist France Telecom entschloß sich, wegen überhöhter Rechnungen seines Lieferanten zu klagen. Gegen den Chef der Alcatel-Tochter CIT, Pierre Guichet, wurde deshalb zu Beginn der Woche Haftbefehl erlassen.

Gerade dieser Skandal unterstreicht eine weitere unschöne Entwicklung für Alcatel: In Frankreich wie in Deutschland ist die große Zeit der Hoflieferanten vorbei. France Telecom und Alcatel waren lange Zeit Herz und Seele des französischen Fernmeldewesens: Der Betreiber zahlte überhöhte Preise für die digitalen Vermittlungsstellen, die er zudem noch selbst entwickelt hatte. Der Produzent lieferte dafür eines der modernsten Netze der Welt.

Jetzt droht der bewährten Zweisamkeit ein Ende. France Telecom steht immer mehr im internationalen Wettbewerb. Deswegen kann sich das Unternehmen nicht mehr hauptsächlich bei einem Anbieter eindecken, den es zudem noch bezuschußt. Alcatel dagegen möchte nun selbst dort mitmischen, wo in der Telekommunikation zunehmend das Geld verdient wird: bei den Fernmeldediensten.

Dies ist Alcatel freilich bisher noch nicht gelungen – vor allem wegen des Präsidentschaftswahlkampfes. Das Unternehmen hatte sich um die Lizenz für das dritte französische Mobilfunknetz beworben. Doch den Zuschlag bekam der Bauriese Bouygues. Er aber ist Hauptaktionär von TF1, des größten Fernsehsenders im Lande. Und ohne dessen Unterstützung könnte Premierminister Edouard Balladur nicht Präsident werden, wird vermutet.

Aber auch sonst hatte Suard mit seinen Expansionsplänen wenig Glück, wohl auch, weil er politisch eher dem Gaullistenführer und Balladur-Widersacher Jacques Chirac nahesteht. Zuerst versuchte er vergeblich bei France Telecom einzusteigen. Dann durfte er den Sender Radio Monte Carlo nicht aufkaufen. Schließlich wurde ihm verwehrt, die Mehrheit beim Kernkraftwerkproduzenten Framatome zu übernehmen.