er Weltkrieg warf ihn auf die Bahn. In Rußland 1941 als 20jähriger schwer verwundet, begann Werner Jochmann mittelalterliche Geschichte zu studieren. Doch in den fünfziger Jahren, als noch die Heimkehrer in den Seminaren saßen, fand er als Assistent von Fritz Fischer in Hamburg sein eigentliches Thema: die Zeitgeschichte, die ihn nicht mehr loslassen sollte. Alle Epochen des deutschen Nationalstaats von 1870 bis 1945 kamen damals auf den Prüfstand, da blieb nichts ausgespart, Tabus und Legenden wurden eingerissen.

Als 1960 nach den Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen bei Politikern und Pädagogen in der Bundesrepublik helles Entsetzen ausbrach, wurde Jochmann zum Leiter der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg berufen. Er hat mit ein paar Mitarbeitern aus dieser kleinen Arbeitsstelle ein international renommiertes Institut gemacht, dem eine Bibliothek mit mehr als 50 000 Bänden zur Geschichte der Parteien, Verbände und sozialen Bewegungen angeschlossen ist. Als einer der ersten Historiker räumte er mit der für die meisten Deutschen so bequemen Vorstellung auf, Hitler und die Ideologie des Nationalsozialismus seien plötzlich wie ein Verhängnis über unser Volk gekommen. Unermüdlich ließ er die gesellschaftlichen und geistigen Hintergründe des Antisemitismus erforschen. Darum ist von seinen Büchern gerade das letzte, eine Aufsatzsammlung zur „Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft in Deutschland 1870-1945“, wohl das mit der größten Langzeitwirkung.

Es war sein strenges wissenschaftliches Ethos, das Jochmann die Anerkennung der internationalen Gelehrtenwelt einbrachte – mit vielen Kollegen in Israel, Polen, Amerika und England hatte er, der eher zurückhaltende, unprätentiöse Mann, Freundschaft geschlossen – und das seine Schüler und Studenten zu „forschendem Lernen“ anspornte und begeisterte. Er achtete auf akribische Quellenarbeit, auf redliche Interpretation und guten Stil. Bei aller nüchternen Sachlichkeit scheute er sich jedoch nie vor klaren, moralischen Urteilen.

Wichtig war ihm allzeit die Vermittlung der zeithistorischen Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit. Ungeachtet seines Ruhestandes hielt er weiter Vorträge und stellte sich in Diskussionen den Fragen zweifelnder oder kritischer Zeitgenossen. Bereits 1957 war er, der zehn Jahre zuvor seine schlesische Heimat verloren hatte, nach Polen gereist, das Gespräch suchend, aus dem Versöhnung wuchs. In vielen Gremien hat er sich um christlich-jüdische Zusammenarbeit bemüht, schließlich auch noch um die Erforschung des demokratischen Exils. Mitten aus diesem Dienst riß ihn am 16. November der Tod. kj