Von Benedikt Erenz

Gibt es in Deutschland eine demokratische Tradition?

Nein. Denn Tradition ist Geschichte, die man kennt, und die eigene demokratische, republikanische Geschichte, diese andere deutsche Geschichte kennen hierzulande nur wenige; unsere unablässig "historisch" daherschwadronierenden politischen Repräsentanten gehören gewiß nicht dazu. Oder glaubt jemand ernstlich, Süssmuth, Herzog oder Kohl verbänden etwas mit dem Namen Georg Forster oder hätten je von der ersten deutschen Verfassungsurkunde des Jahres 1799 gehört? In Nordrhein-Westfalen, ausgerechnet!, werden gerade zwei neue Preußen-Museen eingerichtet – das ist die Traditionspflege der Republik, vom Deutschen Historischen Museum für Wilhelminismus in Berlin ganz zu schweigen. Währenddessen dämmert die wackere "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte" zu Rastatt vergessen vor sich hin, und was gibt es sonst noch auf den 356 945 Quadratkilometern Deutschland, das an die Anfänge der Demokratie in unserer Weltgegend erinnerte?

Sonst gibt es nur Bücher – Bücher wie dieses hier zum Beispiel, die Dissertation des Ulmer Historikers Uwe Schmidt. Er ist den Spuren, die Heinrich Scheel, Walter Grab, Hellmut G. Haasis, Axel Kuhn und andere in den vergangenen Jahrzehnten gesichert haben, den "Spuren der Besiegten", hartnäckig weiter nachgegangen. Mit erstaunlichem Erfolg. Unendlich detailreich, aus der Tiefe der Archive diesseits und jenseits des Rheins schöpfend, kann er belegen, wie stark die Französische Revolution gerade im Süden des Alten Reichs die politische Phantasie der Bürger beflügelt hat. Im ersten Teil des Buches ganz auf die Reichsstädte Ulm, Reutlingen und Esslingen konzentriert, zeigt Schmidt, daß die neue Freiheit der "Franken" hier zunächst zu einer Rückbesinnung auf die alte (stadtrepublikanische) Freiheit führte, die längst unter dem oligarchischen Filzregime einiger weniger Partriziersippen erstickt worden war. Und was mit der Forderung nach Mitsprache und Finanzkontrolle begann, mündete im Anspruch auf Volkssouveränität und demokratische Selbstbestimmung, vor allem in Ulm, wo ein Bürgerausschuß schließlich, 1797, sogar eine neue, republikanische Verfassung für die Stadt entwarf (im Anhang des Buches erstmals veröffentlicht).

Schmidts nüchterne, immer wieder ins Sozialhistorische ausgreifende Darstellung macht im weiteren Verlauf deutlich, wie noch lange nach dem Ende der Mainzer Republik im Sommer 1794 der Freiheitsfunke in Deutschland weiterglimmt und immer wieder von neuem zur Flamme auflodert. Von Straßburg aus schwärmen die Freiheitspropheten, Emissäre und Agenten ins Reich und nähren den Traum von einer badisch-schwäbischen, von einer süddeutschen Republik. Mal plant man die Errichtung einer "französischen Schwesterrepublik", mal die Vereinigung mit der Schweiz, wo 1798 ein helvetischer Freistaat ausgerufen worden war. Doch der große Bruder in Paris, auf den alles baut, spielt falsch. Längst haben die Herren des Direktoriums den Jakobiner-Traum von der einen, unteilbaren Weltrepublik zu den Akten gelegt, längst wird wieder französische Politik gemacht. Und wenn man sich überhaupt noch auf die Pläne der schwäbischen Freischärler einläßt, dann allenfalls in der alten Hoffnung auf ein "drittes Deutschland", das Frankreich zwischen Preußen und Österreich weiterhin Einfluß im Reich gewährt.

Doch unverzagt agitieren und organisieren die patriotischen Klubs und Gesellschaften weiter, zwischen Mannheim und Basel, Karlsruhe und Augsburg. Zusammen mit dem Jakobinergeneral Augereau ist im Januar 1798 alles zum Losschlagen bereit – als dieser von Paris kaltgestellt wird; Frankreich ist nun definitiv an keinem Export seiner Revolution mehr interessiert, und gegen das österreichische Militär haben die süddeutschen Republikaner keine Chance.

Schmidt zeichnet ein minuziöses Bild vom Auf und Ab der revolutionären Hoffnungen, vor allem auch von der inneren politischen Entwicklung dieser Freiheitsbewegung, die just in dem Moment, in dem schon alles verloren ist, 1799, in einem einzigartigen Dokument der deutschen Demokratiegeschichte gipfelt: dem "Entwurf einer republikanischen Verfassungsurkunde, wie sie in (ganz) Deutschland taugen möchte" – genau fünfzig Jahre vor der Paulskirchenverfassung und hundertfünfzig Jahre vor dem Bonner Grundgesetz. Gibt es ein deutsches Schulbuch, das sie auch nur erwähnt?