Madrid

Herein kommt der Staatsmann: dunkelblaues Jackett, graue Hose, gedeckte Krawatte. Nur das blauweiß karierte Hemd erinnert noch an den Arbeiteranwalt aus Andalusien, der mit nur vierzig Jahren im Dezember 1982 zum Ministerpräsidenten gekürt wurde. Früher stand der Kragen meist offen, das Gesicht war noch nicht gezeichnet von den tiefen Ringen unter den Augen.

Damals flatterten rote Fahnen im Wind, heute fegt er nur noch das Laub von den Bäumen im Park, der den Moncloa-Palast birgt. In der Abgeschiedenheit des Regierungssitzes, den der Volksmund als „den Bunker“ schmäht, verwandelte sich der Volkstribun „Felipe“ für viele Spanier während der vergangenen zwölf Jahre in den „Señor González“, einsam und unnahbar, noch geachtet, aber kaum mehr geliebt.

Inzwischen schwindet selbst der Respekt. Nach einer Serie spektakulärer Korruptionsskandale seiner sozialistischen Regierung im Frühjahr ist Felipe González nun auch persönlich ins Fadenkreuz der Medien geraten. Der Ehemann seiner Lieblingsschwester soll sich auf Kosten des Staates bereichert haben. Millionenschwere Grundstücksspekulation lautete der erste Vorwurf; kaum war er widerlegt, eröffnete die Presse eine zweite Front: Schwager Francisco Palomino habe als Direktor einer Installationsfirma lukrative öffentliche Aufträge ergattert, zum Beispiel für die Elektrifizierung jenes bislang geheimen Atomschutzbunkers, der Ende der achtziger Jahre am Rande des Moncloa-Palastes in die Erde gegraben wurde. So wenig sich auch diese Beschuldigung beweisen ließ, so diabolisch ist doch ihre Wirkung: Denn nun ist „der Bunker“ nicht mehr länger nur ein Synonym für die volksferne Macht hinter den Mauern der Presidencia, nun ist er eine in Beton gegossene Wirklichkeit.

González tobte. Im Fernsehen und im Parlament verwahrte er sich leidenschaftlich gegen jeden Vorwurf der Günstlingswirtschaft. Als er die Attacken gegen sich und seine Familie aber gar als einen „Angriff auf die Institutionen“ wertete, ging auch so mancher Verbündete auf Distanz: Das klang zu sehr nach Ludwig XIV., das bestätigte nur das Bild vom oft selbstherrlichen Regierungsstil vieler Sozialisten.

So wütend wie hilflos bemüht sich die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE), die Demontage ihres einstigen Idols zu verhindern. Aber die rote Rose im Parteiemblem verwelkt; den Sozialisten fehlt längst die Kraft zum „Wandel des Wandels“, den Felipe González noch vor den Parlamentswahlen im Sommer vergangenen Jahres verheißen hatte. Seither regiert die PSOE nur noch als Minderheitsregierung, abhängig vom Wohlwollen der katalanischen Nationalisten. Spielraum für große Reformen lassen sie ihm nicht – selbst wenn er sie denn wollte.

So gärt die Unzufriedenheit, verhärtet sich die Opposition gegen den Felipismo. Die Vereinigte Linke sammelt enttäuschte Sozialisten und ehemalige Kommunisten, um den Pragmatismus der PSOE anzuprangern und González als „Präsidenten der Korruption“ zu schelten. Kaum ein Tag vergeht, da nicht José Maria Aznar, Vorsitzender der rechts-liberalen Partido Populär Neuwahlen verlangt. Der bläßliche Oppositionsführer hat ein Buch geschrieben, das – in anmaßender Anspielung auf den Weg von der Franco-Diktatur zur Demokratie – einen „zweiten Übergang“ von links nach rechts verspricht.