Von Gisela Dachs

Gaza

Zu den wenigen Einrichtungen, die seit der Autonomie im Gazastreifen wiedereröffnet wurden, gehörte das Nasr-Kino. Mit lila Farbe war die Fassade renoviert worden, auf dem Programm standen Unterhaltungsfilme aus Indien oder Ägypten, die niemanden beleidigen. Am vergangenen Wochenende, nach den blutigen Zusammenstößen mit der palästinensischen Polizei, wurde das Kino von wütenden Fundamentalisten in Brand gesteckt, Tags darauf saßen Kinder auf dem verrauchten Gehsteig und spielten mit den Filmrollen, die sich in endlosen Schlangen abspulen ließen. Sie wirkten verloren in der Menge, die fassungslos ihre Toten zu Grabe trug.

Die Bilder von den Straßenkämpfen und den anschließenden Demonstrationen gingen um die Welt. Was die Fernsehaufnahmen, die an die schlimmsten Zeiten der Intifada erinnerten, nicht zeigen konnten, war das Erschrecken über die Ereignisse. Zwar waren die Zusammenstöße keine wirkliche Überraschung; sie waren seit langem befürchtet, von manchen sogar heraufbeschworen worden. Dennoch: 16 Tote und etwa 200 Verletzte, das hatte niemand gewollt. Während die Pessimisten vom Anfang eines Bürgerkrieges sprechen, bleibt den Optimisten nur die Hoffnung, daß der Schock heilsam sein könnte.

Die Unruhen bezeichnen einen Wendepunkt in der Geschichte der jungen palästinensischen Autonomie: Sie haben die prekäre Machtposition Arafats noch mehr angeschlagen. Von der Begeisterung, mit der ihn die Palästinenser im vergangenen Juli empfangen hatten, scheint nicht mehr viel übriggeblieben zu sein. Dieser Eindruck kann auch nicht durch die Pro-Arafat-Demonstrationen der letzten Tage verwischt werden.

Unter dem Schock der Ereignisse bemühten sich Palästinenser aus den unterschiedlichsten Lagern, darunter auch eine Delegation israelischer Palästinenser, die Situation zu entschärfen. Zu den ersten Vermittlern gehörte Haidar Abd al-Shafi, ein unabhängiger Politiker, der von allen Seiten geschätzt und akzeptiert wird. Als Chef der palästinensischen Verhandlungsdelegation in Washington hatte er sich von Arafat distanziert, als die Details des geheimen Osloer Abkommens bekannt wurden. Das Blutvergießen nach dem Freitagsgebet in der Palästina-Moschee ist in seinen Augen kein Aufstand der islamistischen Opposition, sondern Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit über den Friedensprozeß: "Die Menschen sehen nicht, daß es ihnen etwas bringt, und sind deshalb gleichgültig geworden. Manche, die anfangs gegen die fundamentalistische Hamas-Bewegung waren, unterstützen sie nun. Weder Arafat noch Israel kann Hamas stoppen. Nur die Palästinenser. Aber die brauchen zunächst etwas, das ihnen wert genug erscheint, verteidigt zu werden."

Die Palästinenser im Gazastreifen vermissen die Friedensdividende. Der versprochene wirtschaftliche Aufschwung läßt auf sich warten, der Lebensstandard soll in den letzten drei Monaten um 25 Prozent gesunken sein. Die Preise sind gestiegen, weil fast alles Gemüse nach Israel exportiert wird. Zwar helfe "der Export den Bauern und Händlern, aber der Konsument muß büßen", sagt Achmed, der als Angestellter bei einer palästinensischen Behörde 200 Dollar im Monat verdient. Seither kann der Vater von fünf Kindern nur mehr das Minimum an Einkäufen erledigen. "Wir haben alle gehofft, daß die Dinge besser werden, aber wir sind enttäuscht worden." Er hat Angst, daß die wirtschaftliche Notlage eine Zweiklassengesellschaft hervorbringt, daß eine tiefe Kluft entsteht zwischen den Armen, denen das Nötigste zum Leben fehlt, und einer kleinen Oberschicht, die sich bereichert.