Hinein ins kalte Leben

Von Julia Seidl

Die Adresse: Deutscher Akademischer Austauschdienst – Berliner Künstlerprogramm, Jägerstraße 23. Ein graues altes Haus in Berlin-Mitte, ehemals genutzt von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Kein Schild am Eingang, das auf den DAAD hinwiese. Vorbei am Wächter, vorbei an weißen ehrwürdigen Männerbüsten im dunklen Treppenaufgang, dann im Büro ein kurzer Blick aus dem Fenster – und die deutsche Geschichte schlägt ihr Auge auf.

Geradeaus erhebt sich ein öder weißer Betonklotz, einst Sitz der Stasi. Zu seiner Rechten verfällt ein unscheinbares, fast nicht mehr bewohntes Haus. Rahel Varnhagen sandte unter dieser Adresse sehnsüchtige Liebesbriefe an Karl August van Ense und lud die geistige Elite Berlins in ihren Salon. Nicht weit davon bietet das ehemalige Bankhaus von Moses Mendelssohn ein Beispiel strenger Formschönheit.

Joachim Sartorius, Jurist, Diplomat und Lyriker, hat acht Jahre lang das Berliner Künstlerprogramm des DAAD geleitet. Nun feiert er seinen Abschied in der DAAD-Galerie in der Kurfürstenstraße. Denn er, der alle paar Jahre dem Drang nachgibt, etwas anderes zu tun, wird aus Berlin weggehen. Die Gäste kennen seine neue Adresse: "Planungsstab Kultur", Auswärtiges Amt, Bonn. Unter Klaus Kinkel soll Sartorius im vierköpfigen "Planungsstab Kultur" die deutsche Kulturpolitik im Ausland weiterentwickeln.

"Travelling without a map" heißt die Ausstellung des britischen DAAD-Stipendiaten Richard Wentworth, in der sich das kunstverwöhnte Publikum drängelt. Spielzeughäuser unter dicken Planen am Boden, Schaufeln und Maßbänder, die von der Wand abstehen, stören die Gespräche nicht. Zwischen den wohlgekleideten Herren und Damen huschen hin und wieder verschreckt Künstlergestalten in ärmlichen Jackets, die billigen Schals lässig um den Hals geworfen.

Kurz bevor Joachim Sartorius seine Abschiedsrede beginnen kann, bekommt er vom Berliner Kultursenator Ulrich Roloff-Momin einen Brief zugesteckt. Er öffnet ihn, und die Überraschung ist groß: Drinnen steckt die Ernennung zum Leiter der Abteilung II (Museen, Gedenkstätten und Literatur) im Berliner Senat. Nun wird aus dem Abschied ein Neuanfang. "Ich muß sagen, ich bin innerlich sehr bewegt", gesteht er, der sonst immer sehr gefaßt ist, dem nicht minder bewegten Publikum. Seine Frau Karin Graf trocknet sich mit dem Taschentuch die Tränen ab.

"Na, weint er schon?" fragt eine seiner Mitarbeiterinnen aufgeregt ihre Kollegin, und gemeinsam versuchen sie einen Blick auf ihn zu ergattern. "Mein Arbeitstisch mit Blick auf den Rhein wird jetzt wohl leer bleiben", kommentiert der frischgebackene Abteilungsleiter erleichtert die jüngste Wendung seiner an Kurven reichen Karriere, und sein Sektglas scheint wie von selbst in die Höhe zu schweben.

Hinein ins kalte Leben

"Wenigstens etwas, daß er in Berlin bleibt", atmen seine Mitarbeiter auf. Ungern lassen sie ihren Chef nach acht Jahren gehen. Etwa 200 Kunststipendiaten hat Joachim Sartorius mit ihrer Hilfe während dieser Jahre empfangen. Seit der Gründung des Programms 1962 kamen über 900 Gäste nach Berlin. Gegen den Geist der Mauer, der brutalen Grenze, sollte das Künstlerprogramm ein Forum für einen lebendigen Austausch der Nationen bilden. Das isolierte, geteilte Berlin als città aperta – diesem spirit verdankt die heutige Hauptstadt eine Gästeliste, die sich wie ein Lexikon der internationalen Kulturszene liest. Große alte Namen wie Ingeborg Bachmann, Michel Butor, John Cage, Witold Gombrowicz, Cecil Taylor oder Andrej Tarkowskij, große neue wie Jim Jarmusch, Ilya Kabakov oder Cees Nooteboom. Und die Namen György Conrad, Jesus Diaz oder Mircea Dinescu künden von politischem Widerstand.

Für ein Jahr kommen die Stipendiaten nach Berlin. 3000 Mark erhalten sie im Monat. Sie leben in alten Berliner Mietshäusern. Die exotischen Namen am Klingelschalter – quer durch alle Kontinente – sind die beste Werbung für ein ausländerfreundliches Berlin. "Irgendwo anders wohnen ist etwas anderes als reisen", schreibt Cees Nooteboom, auch ehemaliger DAAD-Stipendiat, in seinen "Berliner Notizen".

Eine fremde Stadt ausloten, sich treiben lassen, Puzzles über die Mentalität der Einwohner zu legen beginnen – wie kaum ein anderer kann Joachim Sartorius die Situation der Gäste aus seiner Biographie heraus nachvollziehen. "Vom siebten Lebensjahr an habe ich ein unruhiges, nomadenhaftes Leben geführt", hält er nachdenklich Rückschau.

In der "absolut scheußlichen" Stadt Fürth in Bayern ist er 1946 zur Welt gekommen. Um so besser, daß der Vater, von Beruf Ökonom, für die Comecon und später für den auswärtigen Dienst arbeitet und seine Familie vom Fürther Schicksal erlöst.

Raus aus der kleinbürgerlichen Enge – "mit sieben bin ich am Pariser Eiffelturm Schlittschuh gelaufen" –, dazu gehört für den jungen Sartorius auch bald die Begegnung mit der Welt der Kunst.

"Geschrieben habe ich schon mit fünfzehn", amüsiert er sich über seinen ersten großen literarischen Versuch, einen Kriminalroman. Heimlich tippt ihn seine eifrige Patin ab, schickt das Werk an den Goldmann-Verlag und hält den Kommentar des Lektors in den Händen: "Der junge Autor ist merklich begabt, aber viel zu blutrünstig. Zu stark am Vorbild Dashiell Hammett orientiert."

Erste Fügungen, ein Leben in der Kunst scheint vorgezeichnet. Weshalb doch der Entschluß, Jura zu studieren? "Ich wollte wie mein Vater in den auswärtigen Dienst, und damals herrschte dort noch ein absolutes Juristenmonopol", heißt die schlichte Antwort. Das Studium langweilt ihn mit vorrückender Semesterzahl, nebenher widmet er sich der Politikwissenschaft. Nach der harten Schule des auswärtigen Dienstes erreicht er 1974 endlich die Welthauptstadt New York.

Hinein ins kalte Leben

"New York war der Beginn eines echten Doppellebens", träumt sich Sartorius in die aufregende Vergangenheit zurück. Neben seiner Arbeit als Kulturattaché beginnt er zu übersetzen, herauszugeben, ist unterwegs in einer labyrinthischen Kunstszene, eben auch da, wo nicht mehr offiziell geladen wird. Das hätte – man merkt es seiner Art zu erzählen an – länger so weitergehen können. Doch auch für ihn galt die Schallmauer von vier Jahren. Er wird versetzt nach Ankara, vier Jahre in Nikosia folgen. Ruhelos, nomadenhaft, immer auf Abruf – "im auswärtigen Dienst können eigentlich nur Alleinstehende arbeiten", lautet seine lakonische Schlußfolgerung.

Mit der Ernennung zum Leiter des Berliner Künstlerprogramms findet er 1986 in Berlin für sich und seine Familie einen Zufluchtsort. "Manche Künstler haben eine magische Ausstrahlung", erinnert sich Sartorius, und bald darauf erwähnt er Luigi Nono, der ihm zum Freund und Mentor wurde. "Über einige seiner Stücke habe ich Gedichte geschrieben." In den zwei Jahren, die Nono zu Gast war, habe er ihn etwa 200mal gesehen, so schätzt Sartorius heute.

Die noble Charlottenburger Wohnung seiner Familie, hell, groß, mit Luft und Platz für Gäste, wird vielen Künstlern zu einer zweiten Heimat. Und Sartorius, inspiriert von den Begegnungen, beginnt wieder literarisch zu arbeiten. Er übersetzt John Ashbery, Wallace Stevens, Drieu LaRochelle, gibt die Werke von Malcolm Lowry und William Carlos Williams heraus und veröffentlicht selbst vier Gedichtbände. Das alles macht der "bunte Hund" – wie er sich manchmal selber nennt – neben der täglichen Arbeit. "Schreiben ist für mich die wichtigste Form, mich meiner selbst zu vergewissern", ringt er langsam nach einer richtigen, präzisen Formulierung und wird sehr ernst. Eine Existenz als Nur-Schriftsteller? "Damit könnte ich heute mittag schon anfangen."

Doch immer wieder ruft ihn das "tätige, das kalte Leben" – so nennt er es in Anlehnung an Gottfried Benn – zurück. "Kultur als Binnenmarkt", nationale Beschränktheiten, dagegen kämpft er im Kulturbeirat der EG-Kommission, im internationalen Parlament der Schriftsteller und im Projekt "Städte der Zuflucht".

Joachim Sartorius, der Weitgereiste, der fast sein halbes Leben im Ausland verbracht hat, fürchtet sich vor dem deutschen Mief. Schlimm sei es, daß 1993 der Etat des Berliner Künstlerprogramms um 600 000 Mark gekürzt wurde. "Wir brauchen den fremden, frischen Blick der ausländischen Künstler in Deutschland", sagt Sartorius energisch und schiebt noch ein "dringend" hinterher.