"New York war der Beginn eines echten Doppellebens", träumt sich Sartorius in die aufregende Vergangenheit zurück. Neben seiner Arbeit als Kulturattaché beginnt er zu übersetzen, herauszugeben, ist unterwegs in einer labyrinthischen Kunstszene, eben auch da, wo nicht mehr offiziell geladen wird. Das hätte – man merkt es seiner Art zu erzählen an – länger so weitergehen können. Doch auch für ihn galt die Schallmauer von vier Jahren. Er wird versetzt nach Ankara, vier Jahre in Nikosia folgen. Ruhelos, nomadenhaft, immer auf Abruf – "im auswärtigen Dienst können eigentlich nur Alleinstehende arbeiten", lautet seine lakonische Schlußfolgerung.

Mit der Ernennung zum Leiter des Berliner Künstlerprogramms findet er 1986 in Berlin für sich und seine Familie einen Zufluchtsort. "Manche Künstler haben eine magische Ausstrahlung", erinnert sich Sartorius, und bald darauf erwähnt er Luigi Nono, der ihm zum Freund und Mentor wurde. "Über einige seiner Stücke habe ich Gedichte geschrieben." In den zwei Jahren, die Nono zu Gast war, habe er ihn etwa 200mal gesehen, so schätzt Sartorius heute.

Die noble Charlottenburger Wohnung seiner Familie, hell, groß, mit Luft und Platz für Gäste, wird vielen Künstlern zu einer zweiten Heimat. Und Sartorius, inspiriert von den Begegnungen, beginnt wieder literarisch zu arbeiten. Er übersetzt John Ashbery, Wallace Stevens, Drieu LaRochelle, gibt die Werke von Malcolm Lowry und William Carlos Williams heraus und veröffentlicht selbst vier Gedichtbände. Das alles macht der "bunte Hund" – wie er sich manchmal selber nennt – neben der täglichen Arbeit. "Schreiben ist für mich die wichtigste Form, mich meiner selbst zu vergewissern", ringt er langsam nach einer richtigen, präzisen Formulierung und wird sehr ernst. Eine Existenz als Nur-Schriftsteller? "Damit könnte ich heute mittag schon anfangen."

Doch immer wieder ruft ihn das "tätige, das kalte Leben" – so nennt er es in Anlehnung an Gottfried Benn – zurück. "Kultur als Binnenmarkt", nationale Beschränktheiten, dagegen kämpft er im Kulturbeirat der EG-Kommission, im internationalen Parlament der Schriftsteller und im Projekt "Städte der Zuflucht".

Joachim Sartorius, der Weitgereiste, der fast sein halbes Leben im Ausland verbracht hat, fürchtet sich vor dem deutschen Mief. Schlimm sei es, daß 1993 der Etat des Berliner Künstlerprogramms um 600 000 Mark gekürzt wurde. "Wir brauchen den fremden, frischen Blick der ausländischen Künstler in Deutschland", sagt Sartorius energisch und schiebt noch ein "dringend" hinterher.