Als erstes ist der ökumenische Gottesdienst zur Konstituierung des neuen Bundestages dokumentiert. Danach wird die Nominierung Rita Süssmuths zur Wiederwahl als Parlamentspräsidentin erwähnt. Und dann lesen wir schon, wie ein gewisser Stefan Heym das Wahlergebnis bekanntgibt. Als Alterspräsident war dies offenbar seine einzige Aufgabe.

Ja, sagt die verantwortliche Redakteurin des vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung herausgegebenen Bulletins, die Eröffnungsrede des alten Herrn sei auf Weisung des Staatssekretärs weggelassen worden, aus politischen Gründen. Richtig, sagt der Staatssekretär, nämlich Dieter Vogel, der Regierungssprecher, in lockerem Tonfall, als sei das ganz selbstverständlich – er finde, daß der Redner einer SED-Nachfolgepartei im regierungsamtlichen Bulletin nichts zu suchen habe. Zum ersten Mal ist dort die traditionelle Ansprache des Ältesten im Bundestag nicht wiedergegeben.

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So fügt sich an das schäbige Verhalten der CDU/CSU gegenüber dem Alterspräsidenten bei der Parlamentseröffnung die Zensur per Verwaltungsakt durch das Presseamt ihrer Regierung. Die vielbeschworene Auseinandersetzung mit der PDS: alles Schall und Rauch. Die mögen andere führen.

Daß und wie sie geführt werden kann und muß, zeigt das Streitgespräch im jüngsten Spiegel zwischen Erhard Eppler und Lothar Bisky. Wie sie es mit dem demokratischen Sozialismus wirklich hält, diese Kardinalfrage wird der PDS noch lange gestellt werden, und am Ende kann sie den Reformern in der Partei nur helfen. Aber auch umgekehrt: Kritische Fragen einer, so Bisky, „linkssozialistischen Partei auf der Suche“ sind für die Sachdebatten nur nützlich.

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Doch da hört man einfach nicht hin, schon gar nicht im Regierungslager. Statt dessen Nadelstiche, Ausgrenzung, ein bißchen Orwells „1984“, nicht durch Umschreiben der Geschichte, aber durch Weglassen – in einem Organ, das der Dokumentation verpflichtet ist. Hände vor die Augen: Was ich nicht zur Kenntnis nehme, gibt es nicht. So kindisch, kleinlich, unsouverän ist das amtliche Bonn gegenüber Leuten, die ihm nicht passen.

Carl-Christian Kaiser