Von Martin Klingst

Die Biographie von Guido Westerwelle, der im Dezember Generalsekretär der FDP werden soll, ist gradlinig, um nicht zu sagen, langweilig: Er wurde vor 32 Jahren in Bonn geboren, er ging in Bonn zur Schule und studierte dort Jura. In Bonn promovierte er, und dort arbeitet er heute als Rechtsanwalt in der Praxis seines Vaters. In Bonn trat Westerwelle 1980 auch der FDP bei, saß er viele Jahre den Jungliberalen (Julis) vor und bewarb er sich am 16. Oktober um einen Sitz im Bundestag, den er nur knapp verfehlte. Der Mann, auf den die schwergebeutelten Liberalen jetzt so große Hoffnungen setzen, hat bislang alles nach Fahrplan erledigt und in seinem Leben selten nach links und rechts geschaut. Kann so einer der FDP Profil geben?

Viele in seiner Partei trauen es ihm zu. Dazu gehören nicht nur die bläßlichen Agilen, die in der FDP schnell Karriere machten und für die der Satiriker Loriot das Wort auf den Punkt gebracht hat: "im liberalen Sinne liberal". Zu den Befürwortern zählen auch Altliberale, die wehmütig an die kräftezehrenden, aber "wenigstens inhaltlich aufregenden" Debatten der siebziger Jahre erinnern und an "die visionäre Kraft" des früheren Generalsekretärs Karl-Hermann Flach. Sie setzen auf den "längst fälligen" Generationswechsel und hoffen, daß Westerwelle "in diesem schlaffen Laden endlich etwas bewegt". Bloßes Wunschdenken einiger Verzweifelter?

Wohl mehr: Guido Westerwelle ist jung und zielstrebig, aber immerhin gehört er der FDP schon vierzehn Jahre an, länger als mancher andere, der weiter gekommen ist. Er versteht es meisterhaft, sich ins Rampenlicht zu rücken, greift nach jedem Mikrophon, das ihm entgegengehalten wird. Doch er ist mehr als der mediengewandte Vertreter einer gesichtslos werdenden "Zahnwälte-Partei". Er hat Ecken und Kanten.

Der Mitbegründer und Anführer der Julis brachte seine Truppe schnell auf Trab, nachdem es 1982 gelungen war, den linken, widerborstigen offiziellen Jugendverband der FDP, die Jungdemokraten, aus der Partei zu drängen. Schon zu Beginn der christlich-liberalen Koalition mahnte er die FDP, in der Innen- und Rechtspolitik "offensiv die liberale Flagge" hochzuhalten. Im Wahljahr 1987 verlangte er "Schluß mit der Schmusetaktik gegenüber der Union!" und warf Franz Josef Strauß "Blutsbrüderschaft mit Pinochet" vor. Westerwelle machte es auch diebische Freude, Parteifreunden das frühe ökologische Bekenntnis der FDP vorzuhalten, wenn diese so taten, als habe es die Freiburger Thesen von 1971 nie gegeben.

In den Grünen sieht der künftige Generalsekretär die stärksten Rivalen seiner Partei. Sie haben es geschafft, Wähler aus der bürgerlichen Mitte an sich zu binden. Sie könnten den Freien Demokraten allmählich auch den Rang als Bürgerrechtspartei ablaufen. Mutige Vorschläge zur Integration von Ausländern, zur vorbeugenden Kriminalpolitik sind zwar auch in den FDP-Programmen anzutreffen. Doch wenn es zum Schwur kommt, verläßt die Freien Demokraten der Mut. Jedesmal unterwerfen sie sich der Koalitionsräson. Guido Westerwelle sieht diese Gefahr. Natürlich vertritt er das neue Regierungsprogramm nach außen hin als "vollen Erfolg". Aber dem Rechtsanwalt, der viele Ausländer vertritt, ist anzumerken, daß ihn der Kompromiß zur sogenannten Kinderstaatszugehörigkeit für hier geborene Ausländer nicht glücklich stimmt. Fast krampfhaft versucht er, dem Konstrukt eine gute Seite abzugewinnen. Die Antwort wirkt hilflos: "Ausländische Kinder werden mit dem neuen Paß bei Klassenfahrten genausoleicht über die Grenze kommen wie ihre deutschen Mitschüler."

Guido Westerwelle will als Generalsekretär den Wählern, aber auch den Menschen in seiner Partei jenseits des Bonner Alltagsgeschäfts "die FDP-Position pur" verdeutlichen. Dafür wird er sich abrackern, in den Orts- und Kreisverbänden, in den neuen Bundesländern. "Wir müssen das Prinzip Freiheit wieder für jedermann erkennbar machen, in allen Lebenslagen, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, in der Rechts-, der Umwelt- und der Gesellschaftspolitik."

Was Freiheit heißen muß, veranschaulicht Westerwelle an einem Beispiel, das ein stromlinienförmiger Politiker nicht wählen würde: In seiner Anwaltspraxis tauchte eines Tages ein Russe auf, der seit vielen Jahren mit seinem deutschen Freund zusammenlebte und nun, nach dem Abschluß seines Studiums, ausreisen mußte. Wäre er eine Frau gewesen, hätte er den Deutschen heiraten und bleiben dürfen. Homosexuelle Lebensgemeinschaften aber schützt das Grundgesetz nicht. "Das ist zutiefst illiberal."