Von Herbert A. Henzler

Deutschland leidet heute offensichtlich unter einer Innovations- und Gründungsschwäche. Weshalb zum Beispiel liegt die einstige „Apotheke der Welt“ mit ganzen 8 Prozent an den weltweit neu eingeführten Wirkstoffen heute weit hinter Japan mit 25 Prozent zurück? Warum steht die deutsche Forschung in keiner der neuen Basistechnologien wie neue Werkstoffe oder Nanotechnologie an der Weltspitze? Oder auch: Warum sind nur 4,3 Prozent der Bevölkerung selbständig beschäftigt, verglichen mit 11 Prozent zu Beginn der sechziger Jahre?

Die Rollenmodelle des Erfinders (und Umsetzers von Innovation) und des selbständigen Unternehmers wiederzubeleben – dies wäre ein lohnendes Ziel für die neue Regierung: Erfolgreiche Innovationen in einer Branche können binnen fünf bis acht Jahren zur Verdoppelung der Arbeitsplätze führen, erfolgreiche Neugründungen schaffen im Durchschnitt vier Arbeitsplätze.

Ein solches Ziel bedingt neue Prioritäten. Statt 97 Einzelmaßnahmen zur Zukunftssicherung des Standorts Deutschland (kann man die Zukunft je sichern?), statt einer kaum noch überschaubaren Flut von Gesetzen, Durchführungsverordnungen und Richtlinien, statt über fünfzig Förderprogramme für Investitionen in den neuen Bundesländern sind Konzentration und Transparenz gefordert. Ein neues Ladenschlußgesetz und großzügige Entwicklungsmöglichkeiten für Zukunftstechnologien bewirken mehr als eine Fortführung des „Von-jedem-Etwas“.

Meßlatte für wirtschaftsrelevante Gesetze muß die Frage sein, ob das Vorhaben ein Mehr an Innovation und Gründungen möglich macht. Dabei sind einige wenige Faktoren entscheidend: Je effizienter die Märkte für Arbeit, Kapital, Güter und Dienstleistungen, je fortschrittlicher das Bildungssystem, je zukunftsorientierter die Infrastruktur, und schließlich, je effizienter die öffentliche Verwaltung, desto mehr Innovationen und erfolgreiche Unternehmensgründungen gibt es. Deshalb soll hier bewußt versucht werden, abweichend von bisherigen Standortmodellen, diese Stellhebel der Wirtschaftspolitik in den Vordergrund zu rücken.

Wer nicht lediglich den Mangel an Arbeit verwalten will, muß auf effektivere Arbeitsmärkte hinwirken, vor allem auf die Überwindung von deren Kartellierung durch die Tarifpartner. Die Aufhebung des Vermittlungsmonopols der Arbeitsämter war ein erster wichtiger Schritt. Dazu gehören aber auch bessere Möglichkeiten für Teilzeitarbeit (in den Ministerien als Vorbild), ebenso wie Lebensarbeitszeitmodelle (mit „Sabbatjahren“ zum Auffrischen der rasch alternden Wissensbasis) und Modellversuche für Telearbeitsplätze, internationale Traineeprogramme und extensive Weiterbildungsmöglichkeiten an den Fachschulen und Universitäten (während der vorlesungsfreien Zeit).

Leider ist es jedoch gerade hier besonders schwer, eingefahrene Bahnen zu verlassen, wirken die jährlichen Lohnfindungsrituale beklemmend reformfeindlich. Dennoch – wie wenig man es auch für erreichbar halten mag –, gerade die Organisation des Arbeitsmarktes braucht einen neuen Denkansatz, weil sich das Wertemuster der Arbeitnehmer, ebenso wie die technischen Möglichkeiten und die internationalen Wettbewerbsbedingungen geändert haben. Die heutige Organisation der Arbeit durch die Tarifpartner wirkt innovations- und gründungsfeindlich – schon weil eine Schlüsselfigur, der „Garagenunternehmer“ weder auf der Arbeitgeber- noch auf der Arbeitnehmerseite Sitz oder Stimme hat.