Von Hans Otto Eglau

Die deutsche Wirtschaftselite ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Negatives über das Führungspersonal großer Unternehmen hat derzeit Konjunktur. Es geht um Eigennutz und Bereicherung, oft sind Millionenbeträge im Spiel. Presseenthüllungen lassen den Eindruck entstehen, in den Vorstandsetagen gehe es zu wie in einem Selbstbedienungsladen. Wird die deutsche Wirtschaft von einem Club der Abzocker regiert?

Seit Mitte des Jahres muß sich der ehemalige Mannesmann-Chef Werner Dieter gegen den Vorwurf der Untreue gegenüber seinem Konzern verteidigen. Der im Sommer in den Ruhestand getretene Chefmanager soll über üppig kalkulierte Zulieferungen eigener Firmen an Mannesmann ein sattes Zubrot eingestrichen haben. Der Aufsichtsrat ordnete eine unabhängige Prüfung an, die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft führt ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Konzernchef. Unter den tief verunsicherten Managern geht die Sorge um, daß es zu einer Anklage, womöglich gar zu einem Strafprozeß gegen Dieter kommen könnte.

Ungläubiges Staunen, selbst bei vielen Spitzenmanagern, löste ein offenbar von interessierter Seite lancierter Bericht des manager magazins aus. Er handelte von der Schlußabrechnung, die der vor einem Jahr als Sanierer zur Metallgesellschaft geholte Kajo Neukirchen seinem früheren Arbeitgeber, dem Dortmunder Stahlkonzern Hoesch, ausgestellt hatte. Vorgänger Detlev Rohwedder war von dort 1990 an die Spitze der Treuhandanstalt in Berlin gewechselt; Aufsichtsratschef Herbert Zapp (Deutsche Bank), bei der Suche eines Nachfolgers nicht eben geschickt, war schließlich heilfroh, mit dem von KHD losgeeisten Neukirchen endlich das leidige Personalproblem vom Halse zu haben. Entsprechend großzügig erfüllte der Banker die Wünsche seines Kandidaten: 14 Millionen Mark jährliche Gesamtbezüge, Dienstvilla, Pensionszahlung schon nach Ablauf der ersten fünfjährigen Amtsperiode.

Wie teuer Neukirchen seinen Arbeitgeber tatsächlich zu stehen kam, zeigte sich aber erst, nachdem Hoesch vor drei Jahren in einem heimlichen Börsenmanöver von Krupp aufgekauft wurde und der Konzernchef von sich aus vorzeitig ausschied. Die Dortmunder zahlten ihrem Aussteiger nicht nur im voraus die für die restlichen vier Jahre noch ausstehenden Bezüge in Höhe von rund 6,5 Millionen Mark brutto (ohne Abzinsung und mit eingebauter Gehaltserhöhung) in einem Betrag; die Abgeltung des lebenslänglichen Wohnrechts (Neukirchen blieb auch nach seinem Eintritt in die Metallgesellschaft noch in der Hoesch-Villa) sowie des Anspruchs auf Dienstwagen und Fahrer bezifferte er auf weitere 4,6 Millionen Mark. Ein stolzer Lohn für gerade zwölf Monate Arbeit.

Kajo Neukirchen zeigt für die Frage nach dem rechten Verhältnis von Leistung und Gegenleistung nur wenig Verständnis. Er habe, so konterte er kritische Fragen, nur den üblichen „Standardvertrag“ abgeschlossen, wie ihn auch sein Vorgänger Rohwedder und die Kollegen von Krupp und Thyssen gehabt hätten. Erst nachdem seine Ansprüche publik geworden waren, erklärte er sich schließlich bereit, die peinliche Angelegenheit auf gütlichem Wege zu regeln. Von Krupp-Aufsichtsratschef Manfred Lennings ließ er sich jetzt auf eine deutlich niedrigere Summe herunterhandeln.

Auf gerichtlichem Wege ging der frühere Thyssen-Chef Dieter Spethmann kürzlich gegen die Buchautoren Friedrich Bräuninger und Manfred Hasenbeck („Die Abzocker“) vor, in dem sein aufwendiger Lebensstil in einer repräsentativen Konzernvilla am Düsseldorfer Rheinufer aufs Korn genommen wurde. Sein Altvertrag (Spethmann wurde 1970 Thyssen-Vorstandsmitglied) sichert ihm und – im Falle des Todes – seiner Witwe ein lebenslanges Wohnrecht. Nach einer einstweiligen Verfügung veranlaßte er den Econ Verlag im Wege des außergerichtlichen Vergleichs, die umstrittene Passage in der zweiten Auflage zu tilgen.