Es wird die zweitgrößte Firmenakquisition in der fast 130jährigen Geschichte des Hauses sein: Für über zwei Milliarden Mark will die BASF die Arzneimittelsparte des englischen Einzelhandels- und Pharmakonzerns Boots übernehmen. Obwohl über die Details der Transaktion noch verhandelt wird, gilt das Vorhaben als sicher.

Dem Einstieg der Ludwigshafener bei Boots waren ähnlich spektakuläre Großeinkäufe der beiden anderen Chemiegiganten vorausgegangen. Erst im September hatte Bayer von dem amerikanischen Hersteller Sterling Winthrop für mehr als anderthalb Milliarden Mark das US-Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten übernommen. Neben einem Umsatz von jährlich 366 Millionen Dollar (1993) sicherten sich die Leverkusener ihre während des Ersten Weltkrieges in den Vereinigten Staaten beschlagnahmten Namensrechte. Vor einem Jahr schließlich war Hoechst für 880 Millionen Mark bei dem Bostoner Unternehmen Copley eingestiegen, einem führenden Hersteller von Generika, sogenannten Nachahmerprodukten.

Nicht allein unter den deutschen Chemie- und Pharmaherstellern grassiert derzeit das Übernahmefieber. Noch entschlossener sind die Schweizer Marktführer Roche, Ciba-Geigy und Sandoz auf Einkaufstour gegangen. Erst Anfang der Woche meldete Ciba-Geigy den Erwerb von 49,9 Prozent der amerikanischen Biotech-Gruppe Chiron Corp. für rund 3,2 Milliarden Mark. Roche hatte zuvor für über acht Milliarden Dollar den US-Konzern Syntex unter seine Kontrolle gebracht. Die gigantische Summe von fünfzehn Milliarden Mark war die American Home Products jüngst die Übernahme der American Cyanamid Comp. wert.

Dieser Kaufrausch hat mehrere Gründe. Der Druck auf die Pharmapreise in nahezu allen Ländern zwingt die Branche zu harten Rationalisierungen, die andere Industrien längst hinter sich haben. Daraus resultiert wiederum der Zwang zur Größe. Und trotz aller Probleme erwies sich der Pharmabereich für die Chemiekonzerne während der Rezession als Ertragsstütze. So trug er bei Bayer und Hoechst im vergangenen Jahr zu mehr als drei Vierteln zum Betriebsergebnis bei. Schließlich wurde die Kauflust der Konzerne noch durch die Wachstumsphantasie in zwei Marktsegmenten weiter angefacht: bei rezeptfreien OTC-(Over-The-Counter)-Produkten, etwa Schmerz- und Erkältungsmitteln, und bei den Generika, die von den Kostendämpfungsprogrammen profitierten, weil sie billiger sind.

Hatten nach dem Ende der Patentlaufzeit für Originalmedikamente früher kleinere Spezialfirmen das Nachahmergeschäft betrieben, haben inzwischen auch die forschenden Pharmaunternehmen Gefallen an diesem Zweitmarkt gefunden. Wie Hoechst bei Copley stieg Bayer im September mit 28,3 Prozent beim amerikanischen Generika-Hersteller Schein Pharmaceutical Inc. ein, der mit über 450 Arzneimitteln 1993 einen Umsatz von rund vierhundert Millionen Dollar erzielte. Die BASF, die ihre Pharma-Interessen über die Ludwigshafener Konzerntochter Knoll verfolgt, kaufte, um möglichst schnell Anschluß zu finden, kürzlich von der Firma Hexal Pharma im bayerischen Holzkirchen Zulassungen für achtzig Generika. Über ein Joint-venture setzen die Knoll-Manager darüber hinaus künftig auch Produkte des amerikanischen Unternehmens Ivax in Europa ab.

Trotz ihrer Aufholjagd trennen die BASF im Pharmageschäft von ihren beiden Konkurrenten jedoch immer noch Welten. Setzten Bayer und Hoechst in ihrem Geschäftsbereich Gesundheit 1993 jeweils fast zehn Milliarden um, werden die Ludwigshafener nach dem Boots-Erwerb gerade einmal auf drei Milliarden Mark kommen. Aus ihrem Dornröschenschlaf endlich erwacht, dürften sie aber wohl noch einmal zugreifen – an Gelegenheiten wird es nicht fehlen: Experten erwarten auf dem Pharmamarkt in den nächsten Jahren weltweit einen dramatischen Ausleseprozeß. eg