Von Mario Müller

Deutschland im Jahr 2000: Die Bundesbürger sind von einer wahren Sammelleidenschaft gepackt. Jeder versucht, rasch noch alte Geldscheine und -münzen als Andenken zu ergattern, bevor sie aus dem Verkehr gezogen werden. Denn seit der Gründung der Europäischen Zentralbank haben nicht nur die nationalen Währungen der Union ihre Gültigkeit verloren. Das Institut verzichtet auch völlig auf die kostspielige Ausgabe neuer Banknoten. Der Grund: Die Nachfrage nach Bargeld war in den Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft zuletzt auf Null gesunken. Zwischen Spitzbergen und Sizilien wird nur noch elektronisch bezahlt.

Ganz so unwahrscheinlich, wie sie klingt, ist diese Vision nicht. Die Vorbereitungen für eine einheitliche europäische Währung laufen, und wenn es nach weiten Teilen der Wirtschaft geht, kommt das Geld künftig aus der Steckdose. Allenthalben beschäftigten sich Banken und Handelskonzerne, Computerfirmen und Telekommunikationsunternehmen intensiv mit der Metamorphose der Moneten: Sie wollen das derzeit noch in Form von Papier und Metall zirkulierende Bargeld durch Plastikkarten und Bits ersetzen. Hinter dem geplanten Verdrängungsprozeß steht als Motiv wiederum Geld, diesmal allerdings in Gestalt von Gewinnen. Während sich Finanzinstitute und Einzelhändler zusätzliche Einnahmen und erhebliche Rationalisierungsvorteile versprechen, wittern Hard- und Softwareanbieter sowie Datentransporteure einen riesigen neuen Absatzmarkt.

Wenn er an die Zukunft denkt, gerät Richard Tischler ins Schwärmen. Bis zum Jahr 2000, so hofft der Manager von Europay International, der Dachorganisation von Eurocard und eurocheque, werden alle unter den beiden Logos ausgegebenen Plastikkarten mit einem winzigen Computer ausgestattet sein. Der fingernagelgroße Chip sei nicht länger als "futuristisches Experiment" zu betrachten, sondern leite bereits jetzt das 21. Jahrhundert ein. Für Tischler beginnt damit "eine Revolution im internationalen Zahlungsverkehr".

Das ist reichlich übertrieben. Eher steht der Chip am vorläufigen Ende einer revolutionären Entwicklung, die 1950 mit der Erfindung der ersten Kreditkarte in den Vereinigten Staaten begann. Während sich der Gebrauch eines Stücks Plastik als Zahlungsmittel jenseits des Atlantiks bald durchsetzte, galt die Bundesrepublik in den Augen der internationalen Karten-Gemeinde bis vor wenigen Jahren noch als Diaspora. Tatsächlich war der Kunststoffwährung hierzulande zunächst kein Erfolg beschieden, weil die Bürger einen Großteil ihrer allfälligen Geldgeschäfte ohnehin bargeldlos per Überweisung und Dauerauftrag über die relativ gutausgebauten Zahlungsverkehrssysteme der Banken abwickeln oder mit eurocheques bezahlen konnten. Auch der Handel wollte das Plastikgeld lange Zeit nicht akzeptieren, da er dafür Provisionen berappen sollte.

Doch die Privatkunden, um die einst mit kostenlosen Girokonten gebuhlt worden war, mußten unterdessen erfahren, daß sie den Banken weniger lieb als vielmehr teuer sind. Die Branche klagt beredt über hohe Verluste im Zahlungsverkehr, will andererseits aber nicht auf diesen Service verzichten, weil sie dann befürchten muß, auch lukratives Privatkundengeschäft zu verlieren. Da die Institute die Preisschraube nicht beliebig anziehen können, versuchen sie nun, den Zahlungsverkehr mit dem Ausbau der Elektronik noch stärker zu rationalisieren, die Kosten weiterzuwälzen und die Klientel in die Selbstbedienung zu drängen. Dabei haben die Geldmanager auch das Bargeld im Visier. Die Deutsche Bank kündigte bereits an, daß die Abwicklung von Scheinen und Münzen in den nächsten Jahren "erheblich" teurer wird. Mit dieser Drohung will der Branchenprimus auch die bislang noch widerspenstigen Gruppierungen des Handels zur Akzeptanz elektronischer Zahlungsmittel zwingen.

Der Weg ins vermeintlich bargeldlose Paradies ist allerdings dornig. Zwar haben die Bundesbürger ihre einstigen Berührungsängste gegenüber den Plastikvierecken weitgehend abgelegt. Mittlerweile sind hierzulande gut 10 Millionen Kreditkarten, über 35 Millionen ec-Karten und rund 15 Millionen Bankkundenkarten im Verkehr. Hinzu kommen noch unzählige von Handelsunternehmen ausgegebene hauseigene Kunststoffkärtchen. Doch ihre Einsatzmöglichkeiten sind nach wie vor beschränkt. Als universelle Zahlungsmittel lassen sich ohnehin nur Kredit- und ec-Karten verwenden. Erstere akzeptieren allerdings nur 300 000 Geschäfte, Restaurants und andere Dienstleister, während die ec-Karten meist als Ausweis zum Ausstellen von Papierschecks dienen. Als direkter Geldersatz können sie bislang nur an weniger als 40 000 Computerkassen dienen, die an das electronic-cash-System angeschlossen sind und oft in Tankstellen stehen.