Selbst wenn sich der zynische Spruch nicht bewahrheiten sollte, daß in Nordirland die Pessimisten am Ende immer recht behalten – der Friedensprozeß ist eine "zarte, empfindliche Pflanze", die allzu leicht verkümmern kann. So hat es Gerry Adams, Kopf des politischen Flügels, der IRA, formuliert. Und darin zumindest sind sich alle Akteure von Belfast über London bis Dublin einig.

Die jüngsten Entwicklungen verheißen wenig Gutes. In Dublin kollabierte die Koalition aus Fianna Fail und Labour, nun wird eine neue Regierung gesucht. In London regiert ein Premier, dessen Handlungsspielraum durch eine schrumpfende Parlamentsmehrheit immer enger wird. Der Raubmord an einem Postbeamten auf Geheiß lokaler IRA-Kommandeure zeigt schließlich, wie unsicher der versprochene "umfassende Waffenstillstand" ist.

Der Rücktritt des irischen Premiers Albert Reynolds konnte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Er und sein britischer Kollege waren gut aufeinander eingespielt. Premierminister John Major hielt die protestantischen Unionisten bei der Stange und Reynolds die IRA im Zaum. Jetzt droht der Zeitplan für eine Lösung des Problems Nordirland durcheinanderzugeraten.

Das generöse Lob für Reynolds’ "historische Verdienste" kann aber nicht verdecken, daß er der Repräsentant einer längst überständigen politischen Kultur und Tradition ist. Sein Sturz legt die irischen Mißstände offen und dürfte die Vorbehalte der nordirischen Mehrheit gegen den Süden nähren: Ämterpatronage, Filz und eine erzkonservative katholische Kirche, die sich gebärdet, als stehe sie über dem Gesetz.

Innenpolitisch wäre jetzt wohl eine reformfreudige Regierung ohne die konservative Fianna Fail vorzuziehen. Aber auch wenn alles beim alten bliebe – selbst in der "letzten Bastion des Papstes in Europa" läßt sich der Wandel nicht mehr aufhalten. Die Macht der alten katholischen Nomenklatura bröckelt. So gesehen könnten sich die Erschütterungen in der Republik Irland langfristig auch für einen nordirischen Frieden als segensreich erweisen: Zwischen der Forderung nach irischer Einheit und dem protestantischen Verlangen nach der Union mit Großbritannien kann ein Kompromiß nur gefunden werden, wenn sich auch der Süden ändert – vorausgesetzt, daß überhaupt weiterverhandelt wird. Jürgen Krönig