Von Konrad Heidkamp

Wären mir damals die Augen verbunden gewesen, ich hätte den Weg blind gefunden, so sicher war ich mir. Vorbei an Elektrogeräten in Regalen, dann im ruckelnden Aufzug nach oben und schließlich in Schlangenlinien an Waschmaschinen vorbei, zu einer Stahltür, dem Sesam-öffne-dich des Jazz. Oder, prosaischer: In München-Pasing, in der Gleichmannstraße, beim Hi-Fi-Kaufhaus Elektro Egger fand ich zielsicher den Weg zu „jazz by post“, dem Jazzversand Manfred Scheffners, dem Mekka aller Gläubigen.

Dort arbeitete, meist unfreundlich und muffig, ein junger, schnauzbärtiger Mann, Jazzbassist, wie ich erfuhr, was die Abwesenheit jeglicher verbindlicher Verkäufermentalität erklärte – Manfred Eicher. Irgendwann war er dann verschwunden, hatte eine kleine Schallplattenfirma gegründet, produzierte eigene Platten, statt fremde zu verkaufen oder selbst Baß zu spielen, nannte das Label ECM, Edition of Contemporary Music. Ich fand, das paßte in seiner Sprödigkeit.

Jetzt, im nebligen November nach 25 Jahren, feiern Manfred Eicher und ECM silberne Hochzeit. Jetzt gilt 1969 als Beginn einer außergewöhnlichen Karriere, die ECM – sieht man über die deutsche Musikprovinz hinaus – zur einzigen renommierten, stilbildenden einheimischen Plattenfirma geführt hat – in Japan ebenso gefeiert wie in den USA –, eine Karriere, die Manfred Eicher zur „grauen Eminenz des europäischen Jazz“ (Mike Zwerin) werden ließ.

Die Assoziationskette „ECM“ ist leicht abzurufen: Keith Jarrett, Jan Garbarek, The most beautiful sound next to silence, Köln Concerts, Arvo Pärt, Chick Corea, Pat Metheny, Stilgrenzen zerfließen, Hilliard Ensemble, Steve Reich, Licht des Nordens, Ralph Towner, Terje Rypdal, Return to forever... Der ECM-Sound wurde zum Markenzeichen.

Manfred Eicher lächelt selten, auch nicht nach 25 Jahren, während sich die abweisende Verschlossenheit über die Zeit in eine offene Ernsthaftigkeit verwandelt hat. „Ich möchte lieber einen Ton finden als einen definierten Sound. Wenn man vom ECM-Sound sprechen will, dann muß man bedenken, daß die Töne, die zu diesen Klängen führen, über ein Programm zustande kommen. Gemeinsam ist den meisten Musikern vielleicht eine Haltung, die hinter den Projekten steht, und möglicherweise kommt dadurch eine Einheit oder – wenn man es negativ hören will – das immer gleiche in Variationen auf, einfach dadurch, daß das musikalische Programm von mir bestimmt ist.“ Manfred Eicher formuliert konzentriert, korrekt zitierbar, mit routinierter Wachheit. Schon nach kurzer Zeit, auf der Fahrt nach Gräfelfing nahe München, ist etwas von dieser Intensität der Erwartung zu spüren, die den Dialog fordert, die hören will, was denn da an dumpfen Ressentiments mitgebracht wurde. Und schon jetzt wird das Prinzip verstehbar, warum er seine Musiker immer ins ferne Oslo kommen läßt, ins Rainbow-Studio, ob sie wie Egberto Gismonti aus Brasilien oder wie Dino Saluzzi aus Argentinien einfliegen, ungeschützt, offen, nur sich selbst und ihr Instrument mitbringend. „Musik hat keinen Ort“, meint Manfred Eicher, und wir biegen in den Parkplatz vor dem grauen Pro-Markt ein. Im zweiten Stock des Flachbetonklotzes liegen die sechs oder sieben Räume von ECM.

Und wieder – déjà vu – geht man an den Regalen und CD-Ständern eines Hi-Fi-Großmarktes vorbei – per aspera ad astra – und steigt hoch zu den unscheinbaren, grauen Räumen mit freundlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer Familie, in der man „Sie“ zueinander sagt. Mehr als sieben Angestellte sind es nicht, alles andere würde den Rahmen zerbrechen, Loyalität der Idee gegenüber scheint unabdingbar, die Bescheidenheit der Ausstattung ist nicht einmal gewollt: Musik hat keinen Ort.