Nett, sagen die Erwachsenen. Tierisch, meinen die Kids. Mega, schreiben die Zeitungen – und listen die Zahlen auf. Für den „König der Löwen“ schufen 600 Zeichner in vier Jahren über eine Million Bilder, allein an der Gnu-Stampede arbeiteten fünf Spezialisten mehr als zwei Jahre – die Szene dauert zweieinhalb Minuten. Mit 26 Synchronfassungen, einem Auslandsstart in acht Ländern gleichzeitig und einem Einspielergebnis von bisher 400 Millionen Dollar dürfte „The Lion King“ der erfolgreichste Film aller Zeiten werden. Für Disneys Eroberung der Kinowelt (als nächstes stehen „Aida“ und „Der Glöckner von Notre-Dame“ auf dem Programm) wird international geklotzt: Allein in Deutschland wird die Kopienzahl um Weihnachten auf voraussichtlich 700 aufgestockt – bald brüllt der Löwe auf jeder vierten Leinwand. Wow!

Vorher geht die Sonne auf. Chöre jubeln, Völkerscharen eilen herbei, ein Felsblock ragt majestätisch ins gleißende Licht, Auftritt der König. Alle Tiere der Erde neigen ihr Haupt, der Pavian-Priester salbt den Prinzen zu heilig geraunten Worten, die Musik dreht auf zu noch mehr Pathos und Pomp. Hymne ist gar kein Ausdruck. Wenn es im Text des Titelsongs auch heißt, es regiere das Leben, so feiert „Der ewige Kreis“ (von Elton John in einer halben Stunde komponiert) doch die Wonnen der Macht. Tusch und Fortissimo: Zu Pauken und Trompeten präsentiert Ihre Majestät das Löwenbaby Simba, den Erstgeborenen, und das Heer der Untertanen geht ehrfürchtig huldigend in die Knie.

Allmächtiger! Zum Glück bleibt Scar, des Königs Bruder (im Original mit der Stimme von Jeremy Irons), der Zeremonie einfach fern, läßt sich nicht blenden und tötet den Herrscher, dessen Macht sich durch nichts legitimiert als durch Muskeln und Geburt.

Aber halt! Scar ist der Böse im Kampf um die Thronfolge, weil zwar schlauer, aber schwächer, und in diesem Film gebührt nur dem Stärksten die Macht. Die Hyänen ganz unten, am Ende der Nahrungskette dienen als Chargen des Bösen, eine Horde von Ghetto-Schwarzen im Fascho-Outfit. Merke: Nur die Reichen sind gut und die Armen Verbrecher. Also muß der Kronprinz ran und die generalstabsmäßige Ordnung vom „Ewigen Kreis“ wiederherstellen. Als Simba schließlich, umglänzt vom Heiligenschein der glutroten Sonne, auf seinem Felsen wie weiland der Vater die Brust schwellt, blühen ringsum wie von selbst die verwüsteten Landschaften, während Scar vom Hyänenpack zerfleischt wird. Wahrlich ein Triumph des Willens zur Macht.

Die Disneysche Lehre vom Kreislauf der Natur verniedlicht den Sozialdarwinismus zur Computeranimation: Löwen fressen Antilopen, aber dann, erklärt der Papa dem Sohn, verwesen die Löwen zu Gras und werden von den Antilopen verspeist. So einfach läßt sich das Recht des Stärkeren als Biorhythmus kaschieren. Die Antilopen werden nach ihrer Meinung nicht gefragt, sowieso fressen die Löwen diesmal nur knackige Käfer – auch als Trickfilm ist die Wahrheit den lieben Kleinen nicht zumutbar.

Das mit Weltmusik, Afrika-Impressionen und ein paar komischen Einlagen garnierte Hohelied auf die Herrschaft illustriert eine Führer-Phantasie, die schaudern macht. Disney feiert einen Reichsparteitag der Tiere, wie er im Lehrbuch für Propagandafilme stehen könnte. Dieselbe bombastische Inszenierung mit Lebendfiguren würde die Filmkritik wohl kaum zu Vergleichen mit Bambi und Hamlet animieren. Natürlich geht die Apotheose der Macht mit den üblicher Hollywood-Appellen zu Vaterlandspflicht, Tatkraft, Arbeitsmoral und Vergangenheitsbewältigung einher. Simba war unartig, ist am Tod seines Vaters daher nicht unschuldig und verzieht sich voller Komplexe in die Wüste zu Erdmännchen Timon und Warzenschwein Pumbaa bis ihn eine Stimme aus dem Jenseits zur patriotischen Räson ruft.

Daraus folgt erstens, daß man bessei tut, was die Eltern sagen, denn Ungehorsam hat tödliche Folgen – die Moral vor „Forrest Gump“ als grausame Kinderlektion. Und zweitens sollte man sich möglicher Schuldgefühle besser nicht allzu gründlich besinnen. Der Pavian verpaßt Simba eine Kopfnuß und erklärt, dies sei keine Kopfnuß, sondern Vergangenheit Auch eine Antwort auf die Gewaltfrage Der Rest ist Verdrängung.