Von Fritz Vorholz

Welche Etiketten sind dem Mann nicht schon verpaßt worden: Als "Heißluftballon", der schnellstens stillzulegen sei, verspottete ihn die niedersächsische Umweltministerin Monika Griefahn; Joschka Fischer machte sich gerne über den "Hasen" lustig, der immer schon da sei – allerdings nur "verbal"; auch als "Kohls Umwelt-Placebo" titulierten ihn seine politischen Gegner gern. Über Mangel an Hohn konnte sich Klaus Töpfer wahrlich nicht beklagen.

Seit vergangener Woche, nach mehr als sieben Jahren im Amt, ist er nicht mehr Bonns oberster Umweltschützer, sondern Bauminister – und schon trauern ihm die Ökologen nach. "Der hatte Durchblick", lobt Hubert Weinzierl, Bundesvorsitzender des BUND, den Minister, mit dem er nicht selten über Kreuz lag. Beim Erdgipfel in Rio de Janeiro habe er gar "an der Spitze der Bewegung" gestanden. Gerne hätte sich Weinzierl deshalb noch ein paar weitere Jahre mit Töpfer "zusammengerauft" – genauso wie Helmut Röscheisen, Geschäftsführer des Deutschen Naturschutzringes (DNR). Nicht viel anders fällt auch das Urteil von Thilo Bode aus, dem Chef von Greenpeace. Zumindest intellektuell habe Töpfer "mehr bewirkt, als man denkt". Letzten Endes aber, meint der Greenpeace-Chef, wurde die Schere zwischen Töpfers Ansprüchen und der unbarmherzigen Realität zu groß. Der Mann habe deshalb "seinen Job nicht erfüllt" und wäre besser vorzeitig zurückgetreten, der Glaubwürdigkeit wegen.

Das sehen auch andere Umweltschützer so – außer Klaus Töpfer selbst natürlich. Noch im September präsentierte er eine umfängliche Bilanz seines Wirkens und hob besonders hervor, daß es gelungen sei, Umweltverschmutzung und Wirtschaftswachstum voneinander abzukoppeln. Er mußte dabei nicht einmal auf plumpes Eigenlob zurückgreifen; schließlich hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schon ein Jahr zuvor der deutschen Umweltpolitik ein gutes Zeugnis ausgestellt. Von "bemerkenswerten Fortschritten" bei einer Reihe drückender Umweltprobleme war in dem Prüfbericht die Rede. In der Tat: Als Töpfer im Mai 1987 Chef des Bonner Umweltressorts wurde, rieselten noch mehr als zwei Millionen Tonnen Schwefeldioxid auf die Bundesrepublik herab; 1991, dem letzten Jahr, für das amtliche Angaben vorliegen, waren es in den alten Bundesländern nur noch eine – Million Tonnen. Fortschritte gab es auch bei anderen klassischen Luftschadstoffen: Der Staubauswurf sank laut Umweltbundesamt um 60 000 Tonnen, die Kohlenmonoxidemissionen um mehr als eine Million Tonnen, und aus Schornsteinen, Kaminen und Auspuffrohren quollen immerhin 400 000 Tonnen weniger des Reizgases Stickoxid. Hatte der SPD-Politiker Willy Brandt einst im Wahlkampf der sechziger Jahre den "blauen Himmel über der Ruhr" versprochen – der CDU-Politiker Töpfer löste das Versprechen ein.

Erfolge auch bei der Gewässersanierung: Noch 1988 verlachten ihn die Kommentatoren, als Töpfer sich nach einer verlorenen Wette in die Fluten des verschmutzten Rheins stürzte. Tatsächlich, dokumentierte kürzlich die Internationale Kommission zum Schutze des Rheins (IKSR), belasten Kommunen und Betriebe Europas größten Strom mittlerweile nur noch mit Bruchteilen jener Giftfrachten, die sie noch Mitte der achtziger Jahre einleiteten: Ob Quecksilber oder Cadmium, Chrom oder Kupfer – teilweise waren die Emissionen 1992 auf ein Zehntel jener Mengen gesunken, die den Rhein noch 1985 verseuchten.

Die Ära des vielgescholtenen Umweltministers Töpfer, am Ende eine Erfolgsgeschichte? Das wäre zu einfach. Zwar haben Filter und Kläranlagen in der dicht besiedelten, hoch industrialisierten und von steigendem Verkehrsaufkommen geplagten Bundesrepublik der Umwelt eine Atempause beschert; zwar bescheinigt deshalb der Berliner Politikforscher Helmut Weidner der konservativ-liberalen Koalition und damit auch Klaus Töpfer, eine "internationale Spitzenstellung" in der Umweltpolitik errungen zu haben – freilich "auf altem Weg". Insgesamt, so Weidner, dominiere "immer noch ein Politikkonzept, das reaktive und kurative Maßnahmen sowie den Einsatz problemverschiebender Entsorgungstechniken systematisch begünstigt". Das sei, überraschend genug, zwar "eine effektivere Variante der Umweltpolitik der siebziger Jahre". Weidner sieht sogar Anlaß für die Hoffnung, daß sich mit dem neuen Abfallrecht eine Wende zum Besseren abzeichnet. Doch der Übergang zu einer energie- und ressourcensparenden Wirtschaftsweise, von der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland in seiner historischen Dimension mit der industriellen Revolution verglichen, steht hierzulande genauso aus wie anderswo – trotz Töpfer, der für dieses Manko den Begriff "Wohlstandslüge" prägte.

In der Tat setzte Töpfer im wesentlichen fort, wozu die sozialliberale Koalition bis Anfang der achtziger Jahre die Basis geschaffen hatte. Nahezu fünf Jahre lang hatte die alte Regierung an Europas strengstem Instrument zur Luftreinhaltung gebastelt – der zunächst für den Umweltschutz zuständige Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) setzte die Großfeuerungsanlagenverordnung nach nur neun Amtsmonaten in Kraft und zwang die Industrie zu Milliardeninvestitionen. Gleichzeitig machte er sich bei der Autoindustrie unbeliebt und kämpfte bei der Europäischen Gemeinschaft dafür, die strengen Pkw-Abgasnormen der Vereinigten Staaten zu übernehmen.