Von Gunhild Lütge

In Süddeutschland gehen Beschäftigte von Alcatel SEL auf die Straße. Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz. Im fernen Brüssel fällt der Beschluß, endgültig das traditionelle Monopol der europäischen Fernmeldegesellschaften zu knacken. Auf den ersten Blick scheinen beide Ereignisse in der deutschen Provinz und der europäischen Metropole nichts miteinander zu tun zu haben. Gleichwohl sind sie eng verknüpft: Die Öffnung des Marktes setzt die Industrie unter enormen Rationalisierungsdruck. Etliche Unternehmen kämpfen ums Überleben.

Soviel zu Brüssel: Vergangene Woche beschlossen Europas Postminister, daß spätestens von 1998 an erstmals neue Anbieter ins lukrative Fernsprechgeschäft einsteigen und eigene Fernmeldenetze betreiben dürfen. Große Konzerne wie Veba, Mannesmann oder das RWE bereiten sich schon auf die neue Ära vor (siehe ZEIT Nr.43/1994). Sie wollen gegen die Telekom antreten. Auf dem Milliardenmarkt wird es deshalb zu einem gewaltigen Umbruch kommen. Martin Bangemann, der als zuständiger EU-Kommissar die Entscheidung forcierte, hofft nun auf einen Wachstumsschub für die gesamte Branche. Sein Kabinettschef Jörg Wenzel sieht auch für den Arbeitsmarkt eine einzigartige Chance: "Wo sollen denn neue Arbeitsplätze entstehen, wenn nicht in der Informations- und Kommunikationsindustrie?"

Gute Frage. Neue Jobs sind dringend nötig. Denn ausgerechnet in der High-Tech-Branche werden erst einmal massiv Arbeitsplätze abgebaut. Nicht nur die Telekom ist jetzt mehr als bisher zur Rationalisierung gezwungen. Vor allem bei ihren Lieferanten aus der fernmeldetechnischen Industrie, wie beispielsweise SEL, stehen die Signale derzeit auf Rot. In Deutschland schrumpft die Branche dramatisch. Mitte 1993 verdienten noch 137 000 Menschen ihr Geld in der kommunikationstechnischen Industrie. Bis zum Jahresende werden’es 24 000 weniger sein. Und die Nachrichten aus den Unternehmen lassen auch für das kommende Jahr nichts Gutes erwarten.

Die Roßkur bei den Herstellern ist nötig, weil sich ihr Hauptkunde Telekom schon seit einiger Zeit auf den Wettbewerb vorbereitet. Dazu gehört eine restriktivere Einkaufspolitik, schließlich muß die Telekom nicht mehr so intensiv wie früher mit ihren Aufträgen Industriepolitik betreiben. Die neue Strategie lautet: vorsichtiger investieren, um künftig Überkapazitäten zu meiden – und vor allem die Preise drücken.

Bislang konnten die Hersteller sogar noch vom Ausbau der Infrastruktur in Ostdeutschland profitieren. Dort war die Telekom bald der größte Investor, die Auftragsbücher der Industrie füllten sich. Doch die Sonderkonjunktur verschaffte ihr nur eine Schonfrist. Schon 1993 sank das Investitionsvolumen der Telekom wieder um neun Prozent auf 25,5 Milliarden Mark. Im laufenden Jahr schrumpft die Summe um weitere acht Prozent.

Zudem orientiert sich der Fernmelderiese neuerdings auf dem Weltmarkt. Dort kämpfen Unternehmen wie die kanadische Northern Telecom, der schwedische Ericsson-Konzern oder die amerikanische AT & T, die nicht nur Fernnmeldenetze betreibt, sondern auch die Ausrüstung dafür herstellt, um einen Zuschlag "um jeden Preis", wie es heißt. Die enge Symbiose zwischen der Telekom und ihren traditionellen Auftragnehmern geht also zu Ende. Das macht den oft als Hoflieferanten bespöttelten Herstellern arg zu schaffen. Ihre Schwächen werden nun brutal bloßgelegt.