BERLIN. – Nein. So richtig verstehen Carsten P. und Michael M. immer noch nicht, warum der kleine dunkelhaarige Mann sich so aufregte, als sie ihm begegneten. Und noch viel weniger sehen die beiden jungen Polizisten ein, warum sie seit einer Woche auf der Anklagebank sitzen und warum vor der Saaltür des Amtsgerichts die Fernsehkameras lauern.

Gemeinschaftliche Körperverletzung im Amt lautet die Anklage. Mit ihr kommt der erste einer ganzen Kette von Vorwürfen vor Gericht, die im Sommer für einen Skandal sorgten: Berliner Polizisten, so lautet die Anschuldigung des deutschvietnamesischen Freundschaftsvereins "Reistrommel", sollen wiederholt Vietnamesen mißhandelt, bestohlen und sexuell genötigt haben. In mehr als fünfzig Fällen ermittelt deswegen die Staatsanwaltschaft.

Die Aufklärung geht nur schleppend voran. Unbeteiligte Beobachter des Tatgeschehens gibt es nur selten, vietnamesische Opfer und Zeugen ziehen sich nach anfänglicher Aussagebereitschaft wieder eingeschüchtert zurück. Nur in zwei Fällen ist Anklage erhoben worden.

Um so aufmerksamer wird beobachtet, was in diesem ersten Verfahren vor sich geht. Brav wie zwei Konfirmanden schildern der 24jährige Carsten P. und sein Kollege, wie sie im August vorigen Jahres auf "die Person" aufmerksam geworden sind – auf den 45jährigen Diplommetallurgen Phan Huu Dat. Fast das ganze Jahr über waren die beiden Beamten eingesetzt, um vietnamesische Zigarettenhändler aufzuspüren – mal im Umkreis eines Wohnheims, mal am U-Bahnhof, mal in Uniform, mal, wie am Tattag, in Zivil. Da kam ihnen vor dem Wohnheim der "vietnamesische Staatsbürger" Herr Dat verdächtig vor: Wie der den Kofferraum seines Autos aufschloß! Wie der sich immer wieder umguckte! Was dann geschah, beschreiben die beiden Polizisten so: "Guten Tag, Polizei", hätten sie sich dem Mann vorgestellt und ihren Dienstausweis gezeigt. Herr Dat habe gleich geschrien, er sei unschuldig, und habe sich geweigert, seine Papiere vorzuzeigen. Damit "die Person" sich nicht "entferne", habe Polizist M. sie festgehalten, "so wie wir auch jeden deutschen Staatsbürger festhalten, wenn wir seine Identität feststellen wollen".

Schließlich habe man Herrn Dat erlaubt, ins Wohnheim zu gehen, um seine Papiere zu holen. Doch dann sei er nicht nur mit seinem Ausweis wiedergekommen, sondern mit rund zwanzig Landsleuten. Die hätten die Beamten umkreist und attackiert. Herr Dat, dessen Kofferraum übrigens weder geschmuggelte Zigaretten noch Diebesgut enthielt, habe bei der Personenkontrolle den Polizisten M. geschlagen, sich an dessen Hosenbein geklammert, nach der Dienstwaffe gefingert, so daß Michael M. schließlich selbst die Pistole zog. Die Auseinandersetzung mit der "unüberschaubaren Menge" habe erst geendet, als Polizeifahrzeuge zur Verstärkung eintrafen.

Aber warum hat Herr Dat sich über diese höflichen Beamten so aufgeregt? Warum mußte er nach dem Polizeieinsatz mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht werden? Und wie kamen die Prellungen und Kratzspuren an seinen Körper, die die Ärzte diagnostizierten? Carsten P. und Michael M. können sich das nicht erklären. Phan Huu Dat sehr wohl.

Die beiden Männer seien plötzlich hinter ihm hergerannt und hätten "unangenehme Worte" gesagt: "Ist das dein Auto? Los, mach auf!" Auf die Frage "Warum?" hätten sie ihn rüde am Hemd gepackt, gegen das Auto gedrückt und seine Papiere verlangt. Daß sie Polizisten seien, habe er ihnen nicht geglaubt. "Ihr seid nicht Polizei, Polizei muß anständig bleiben." – "Anständig, anständig", hätten die Männer dann nachgeäfft und ihn an Kopf und Bauch geschlagen. "Mund zu!" hätten sie ihn angebrüllt. "Warum?" – "Weil wir Deutsche sind und du Ausländer bist." Erst als der Wachschutzmann des Wohnheims die Echtheit der Dienstausweise bestätigte, habe er geglaubt, daß die beiden Polizisten seien.