Im Jahre 1894 – Kaiser Wilhelm II. regierte erst seit sechs Jahren, Bismarck war vier Jahre vorher entlassen worden, und Hitler war noch zu jung, um in die Schule zu gehen – erschien in den Straßen von Berlin für dreißig Pfennig ein obszönes Flugblatt, welches aus heutiger Sicht die Frage der Kontinuität in der neueren deutschen Geschichte in erschreckendster Weise aufwirft. Unter dem Titel „Im 20. Jahrhundert“ stellte es in Karikaturbildern die deutsche Hauptstadt im Jahre 1950 dar (siehe nächste Seite). Zwei Möglichkeiten werden vorausgesagt: Entweder haben die Deutschen die jüdische Gefahr besiegt, oder die Juden haben Berlin erobert.

Im letzteren Fall regiert Rothschild in Deutschland, die Antisemiten – Bockel, Foerster, Dühring, von Schönerer, Stoecker et cetera – befinden sich im Gefängnis, und Ahlwardt wird geköpft. Das deutsche Volk ist Sklave in einer „Deutschen-Arbeiter-Kolonie“, die zugunsten jüdischer Geschäftemacher arbeitet. Gegenüber der Kolonie sehen wir hinter der Erinnerungsstatue des liberalen Parlamentariers Heinrich Rickert die florierende Börse, das jüdische Nationaltheater und das jüdische Nationalmuseum, während die christlichen Kirchen geschlossen sind. Deutsche werden aus ihrem eigenen Land verbannt, ihre „frischen“ Kleinkinder zusammen mit Gänsen an jüdische Küchen verkauft. Überall werden jüdische Tempel in Form von Kiosken gebaut.

Eine gänzlich andere Welt eröffnet sich uns im oberen Teil des Bildes. 1950 haben Kaiser Wilhelm III. und seine Kaiserin gerade den Thron bestiegen. Deutsche Handwerker und Bauern marschieren glückselig durch die Straßen und rufen „Heil“ und „Gott mit uns“. Das Volk drängt sich in das Deutsche Volkshaus, um die Werke Beethovens, Mozarts, Goethes und Schillers zu feiern. Die Synagoge ist geschlossen, und der Rabbiner hat Selbstmord begangen. Der letzte Jude wird aus dem Land verbannt – „Juden raus“ steht auf dem Plakat eines Polizisten. Viele sind im Zuchthaus; alle sind gezwungen, ihre „gestohlenen“ Güter an die Kirche zur Verteilung an die armen Deutschen zurückzugeben, bevor sie mit einem Strick um den Hals abgeführt werden. Und auf der Hauptstraße, mit Begleitmusik von Trompeten und Klarinetten und vor schadenfrohen Schaulustigen, werden Juden öffentlich gehängt.

Im Begleittext prophezeit der Autor, daß Deutschland auf alle Fälle einen ernsten „Kampf gegen Juda“ führen werde, dem „ein grausamer Zug von Humor“ nicht ganz fehlen werde. Aber es wäre im Interesse der Juden selber, wenn die „Lösung“ bald erfolgte, und zwar von oben durch königliche Hand, da sonst das deutsche Volk von einer „Ekstase“ ergriffen werden könnte, unter der die Juden ein noch schrecklicheres Schicksal erleiden würden. Das Blatt appelliert an Kaiser Wilhelm II., diesen „schwersten aller Kämpfe“ auf sich zu nehmen.

Als schauderhafte Voraussage des Holocaust ist dieses Dreigroschenpamphlet von 1894 atemraubend. Was hat den Verfasser dieses Flugblatts zur Annahme geführt, daß Kaiser Wilhelm II. die „jüdische Frage“ „lösen“ könne? Könnte es sein, daß in dieser Hinsicht (wie in mancher anderen) der letzte Kaiser ein Vorbote von Hitler war, das Bindeglied zwischen dem „Eisernen Kanzler“ und dem „Führer“?

Das Bild Kaiser Wilhelms II. als Antisemit ist neu, historisch höchst umstritten, politisch inopportun und emotional beunruhigend. Einige Historiker bestanden darauf, daß der Antisemitismus Hitlers einmalig und sein „Drittes Reich“ daher „qualitativ“ anders war als alle früheren Epochen der deutschen Geschichte: Auf diese perverse Weise wurde der Holocaust zum Alibi der deutschen Nation. Vor nicht allzu langer Zeit meinten einige wenige Historiker, der Holocaust habe keine historische Vorgeschichte und sei allenfalls mit dem Pol-Pot-Regime in Kambodscha vergleichbar. Ernst Nolte verursachte beinahe Straßenkrawalle mit seiner These, daß der Holocaust lediglich eine Reaktion auf die „ursprünglichere“ „asiatische“ Barbarei eines Stalins sei.

Bisher war der überwiegende Konsens unter den Historikern, daß Kaiser Wilhelm II. kein Antisemit gewesen sei. Nur ein paar Historiker oder Germanisten – Hartmut Zelinsky, Lamar Cecil und Willibald Gutsche – haben Gegenteiliges entdeckt und veröffentlicht. Mein neues Beweismaterial jedoch ist qualitativ wie quantitativ überwältigend. Es zeigt unzweideutig: Der Antisemitismus nahm in der Weltanschauung des letzten deutschen Kaisers eine sehr bedeutende Stellung ein. Daher ist eine beträchtliche Neueinschätzung seines Ortes in der Geschichte erforderlich.