Spirituosenindustrie: Im Generationenkonflikt bei Racke kehrt vorerst Ruhe ein. Nun muß eine Überlebensstrategie her

Von Thomas Fischermann

Der Mann im Chefsessel trägt eine Hose mit roten und schwarzen Karos. Sein blonder Haarschopf ist auf jugendlich getrimmt, die Hände formen markige Gesten. Doch der erste Eindruck vom energiegeladenen, unkonventionellen Macher verflüchtigt sich wieder: Marcus Moller-Racke spricht bedächtig vom Glück, Chef in einem Familienunternehmen zu sein. Da könne man mit den Außendienstmitarbeitern gemeinsam Sport machen, Blumensträuße verteilen und selber zur Beerdigung eines Mitarbeiters gehen. Und das wolle er "hier glaubhaft rüberbringen".

Der 38jährige Chef der Bingener Getränkegruppe Racke (Marken: Der Gute Pott, Scharlachberg, Dujardin, Amselkeller, Kupferberg) hat eigentlich noch ein paar drängendere Probleme. Er muß sich gegen die Riesen seiner Branche behaupten. Großkonzerne wie Bacardi oder Grand Metropolitan haben in den vergangenen Jahren große Teile der europäischen Getränkeindustrie aufgekauft, und fast alle Konkurrenten Rackes sind inzwischen unter solch ein schützendes Dach geflüchtet. Das Familienunternehmen Eckes hat wenigstens Manager von außen geholt. Nur beim fast 140 Jahre alten Traditionshaus Racke soll alles in der Familie bleiben.

Das hat Marcus ausgerechnet Krach mit seinem Vater Harro Moller-Racke eingebracht, der das Unternehmen jahrzehntelang leitete. Der findet, daß sein Sprößling nicht genug auf dem Kasten hat. Noch 1991 hatte er ihn selber von der Leitung der kalifornischen Winzerei Buena Vista abberufen und zu seinem Nachfolger gemacht; so entsprach es der Familientradition. Harro selber war einst auf Vater Heinrich gefolgt, Heinrich auf Georg, Georg auf Unternehmensgründer Adam. Doch Vater Harro fehlte es bei diesem Schritt wohl an der rechten Überzeugung. Vorsichtshalber ließ er sich im Unternehmen weiterhin als "Chef" anreden, als Aufsichtsratsvorsitzender wollte er weiterhin die Fäden ziehen. Da wiederum wurde der Sohn bockig. Innerhalb eines Jahres verließen sechs Mitglieder aus Harros alter Führungsmannschaft das Unternehmen, Marcus organisierte den Vertrieb neu, fast 100 von 160 Produktvarianten verschwanden aus dem Angebot. Auf dem Höhepunkt des Generationenstreits hätte es Vater Harro beinahe geschafft, das Unternehmen an einen Großkonzern zu verkaufen. Doch Marcus konnte erfolgreich Allianzen unter den Gesellschaftern schmieden, der 74jährige Harro flog Ende September aus dem Aufsichtsrat, seit der jüngsten Gesellschafterversammlung Ende November stehen die Anteilseigner vorläufig hinter Marcus. Vater Harro erholt sich jetzt im Ausland.

Marcus hat trotzdem wenig Grund, die Korken knallen zu lassen. "Der hat ein Jahr Galgenfrist", sagt ein Branchen-Insider. Dann stünden zumindest 54 Prozent der Unternehmensanteile wieder zur Disposition: die rund 25 Prozent im Besitz des Vaters und die rund 29 Prozent der Gesellschafterfamilie Schierning (Der Gute Pott), die zuletzt nur mühsam vom Verkauf ihrer Anteile abgehalten wurde.

In seiner jetzigen Größe kann das Unternehmen kaum bestehen. Auch Harro hatte sich nie allein auf den Erfolg der Hausmarke verlassen, den Nachkriegswhisky Racke Rauchzart. Er hatte die Unternehmensgruppe seit der Fusion mit Schierning 1974 kontinuierlich vergrößert. Der Sohn wollte es dem Vater nachmachen: Gleich nach Amtsantritt kündigte er eine Milliarde Mark Umsatz an und feierte sich in einem Imagefilm als Unternehmer von Welt, unter Cowboys und Japanern. Tatsächlich verringerte sich der Umsatz aber von 578 Millionen Mark (1990/91) auf rund 570 Millionen Mark (1993/94), die Zahl der Mitarbeiter sank von 800 auf 650. Jetzt hat Marcus eine neue Parole: "Wir wollen auf kleiner Flamme anständig versuchen, eine Marktnische in finden."