Von Jürgen Serke

Häuser, als würden sie aufeinander eindringen, als suchte jedes von ihnen Schutz bei den anderen. Lev Berinski, 1939 in einem Schtetl Bessarabiens zur Welt gekommen, seit drei Jahren Israeli, schaut aus seinem Fenster auf spitze Dachgiebel, rote Dachpfannen, auf Verwinkeltes, als ordne sich das alte Rendsburg der einstigen Synagoge und der einstigen jüdischen Schule zu, unter deren Dach der jiddische Dichter lebt. Kindheit wird evoziert. Berinski, der bis April ein halbes Jahr Stipendiat des Landes Schleswig-Holstein war und nun Gast der Veranstaltungsreihe „Novembertage 94“ ist, spricht von „Gedanken der Haut“.

Gewiß, das Schtetl ist eine ostjüdische Erfahrung, ist die Erfahrung von Scholem Alejchem, Jizchak Lejb Perez und Schalom Asch, von Pinchas Kahanowitsch, Mordechai Gebirtig und Isaac Bashevis Singer. Und doch liegen die Anfänge des Jiddischen im Westen, im Elsaß, am Oberrhein, von wo es sich seit dem 10. Jahrhundert ausgebreitet hat – als grenzüberschreitende Sprache neben dem Latein, nicht aus dem Geist der Geistlichkeit, sondern aus dem Geist des Volkes, den Dichtung durch die Jahrhunderte trug.

Als Lev Berinski im damals noch rumänischen Cąusani zur Welt kam, schrieb im 300 Kilometer entfernten Czernowitz, ebenfalls noch rumänisch, die fünfzehnjährige Selma Meerbaum-Eisinger: „Ich möchte leben. / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und hassen / und möchte den Himmel mit Händen fassen / und möchte frei sein und atmen und schrein. / Ich will nicht sterben. Nein. / Nein...“ Selma Meerbaum-Eisinger, deren 57 Gedichte vier Jahrzehnte auf Veröffentlichung warteten, starb in einem Arbeitslager der SS am 16. Dezember 1942.

Am 26. Juni 1940 hatte die Sowjetunion von Rumänien die Abtretung Bessarabiens und der Nordbukowina mit Czernowitz erzwungen. Lev Berinskis Vater blieb Schneider, aber nun nicht mehr in der rumänischen Armee. Jiddisch war die Familiensprache, Rumänisch die offizielle, nun kam noch das Russische hinzu. Als Hitler-Deutschland die Sowjetunion 1941 angriff, floh die Familie in Richtung Osten und überlebte in Tadschikistan. 1945 kehrte sie zurück nach Bessarabien: nach Kischinew.

Lev Berinski erinnert sich: „Wir wohnten am Rande der Stadt – unter Rumänen, Zigeunern und Jiden. Das war kein respektables, das war das ärmste Viertel der Stadt. Und doch war es schön. Es gab Sonnenblumen, es gab Mais. In den Hügeln stahlen wir Äpfel. Wir waren hungrig und frei.“ Mit vierzehn Jahren debütierte er mit Gedichten in russischer Sprache. Das Jiddische war beiseite geschoben. 1952 hatte Stalin 24 Schriftsteller jiddischer Sprache töten lassen. Schaut Lev Berinski heute auf die sowjetischen Jahre zurück, so sagt er: „Eigentlich war ich verachtet.“

Diesem Eingeständnis versuchte er bis 1981 zu entkommen. Er spielte, er war, wie er sagt, „ein wenig Bohemist“. In Stalino, später Donezk im Kohlerevier, dem nächsten Wohnort der Eltern, ließ er sich zum Akkordeonspieler ausbilden. Als „Vagabund mit Akkordeon“ durchwanderte er die Sowjetunion. Boris Pasternak bekommt 1958 den Nobelpreis und darf ihn nicht annehmen. „Ein Schwein besudelt niemals den Ort, wo es frißt und schläft“, kann Lev in der Komsomolskaja Prawda lesen. „Wenn man daher Pasternak mit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, daß ein Schwein nicht getan hätte, was er tat.“