Die Warburgs sind eine bemerkenswerte Familie. Sie brachten nicht nur geniale Bankiers hervor, sondern auch berühmte Gelehrte, ideenreiche Politiker und begabte Künstler. Sprechen wir vom deutschen Judentum ober besser noch von deutsch jüdischer Symbiose und Kultur, dann denken wir an Familien wie die Warburgs, die jenes Judentum verkörpert haben, das in Deutschland vor 1933 existierte und von Hitler und dem NS Terror unwiderruflich vernichtet wurde. Dieses Judentum war assimiliert, wohlhabend, kultiviert - und sehr, sehr deutsch.

Die vom amerikanischen Bestsellerautor Ron Chernow vorgelegte und in deutscher Übersetzung erschienene Geschichte der Warburgs ist eng verknüpft mit der Geschichte der Stadt Hamburg respektive mit derjenigen Altonas, wo die Warburgs sich bereits im 17. Jahrhundert niedergelassen hatten und sich zielstrebig nach oben zu arbeiten verstanden. Ende des 18. Jahrhunderts machten Moses Marcus und Gerson Warburg aus dem Geldleih- und Pfandwechselgeschäft ihres Vaters eine Bank, die sie fortan MM Warburg & Co nannten. Der 1802 verstorbene Vater hatte seinen beiden Söhnen in seinem Testament in weiser Voraussicht Einigkeit verschrieben: "Trennt Euch nicht", heißt es darin "Nur durch Einigkeit werdet Ihr stark sein und Euer Geschäft wird blühen. Höret auf meine letzten Worte und Ermahnungen "

Der Vater hat wohl gewußt, warum er seihen beiden Söhnen den Rat gab, sich zu vertragen. Denn die beiden haben sich, ungeachtet der väterlichen Beschwörungen, fortwährend in den Haaren gehabt. Angeblich sollen sie sogar ein ganzes Jahr nicht miteinander gesprochen haben. Aber getrennt haben sie sich dennoch nicht. 1810 schlössen sie sogar einen förmlichen Gesellschaftsvertrag, der Hebräisch Aramäisch abgefaßt und nach dem Kalender auf den 20. Siwan des Jahres 5570 datiert war. Den Privatkrieg der beiden Brüder beendete dieser Vertrag jedoch nicht. Im Gegenteil: Der Graben wurde sogar noch tiefer, als die bildhübsche Sara den Sohn von Moses Marcus heiratete und sich tatkräftig und äußerst erfolgreich in die Bankgeschäfte einzumischen begann.

Die in die Familie eingeheirateten Frauen spielten eine bedeutsame Rolle beim Aufstieg des Bankhauses. Sara, die Chernow als "Matriarchin" bezeichnet, wird als hart und gebieterisch beschrieben, die sich sogar von ihren Kindern mit "Sie" anreden ließ. Theophile, die Saras Sohn Siegmund heiratete, brachte zwar französische Eleganz in die Warburg Familie, galt aber wie ihre Schwiegermutter als strenge Zuchtmeisterin, die von ihren Kindern einwandfreies Benehmen verlangte. Charlotte, die Frau von Saras Sohn Moritz, stand ihrer Schwägerin in nichts nach, denn auch sie war bemüht, ihren fünf Söhnen und zwei Töchtern das ausgeprägte Arbeitsethos der Warburgs einzuimpfen. Das konnte mitunter fast schon skurrile Züge annehmen, wenn sie etwa die Wände der Kinderzimmer mit anfeuernden Sprüchen tapezierte wie etwa "carpe diem" oder "Müßigkeit ist aller Laster Anfang".

Siegmund und Moritz, angetrieben durch ihre zwei ehrgeizigen Frauen, schufen die beiden Zweige des Hauses Warburg, die fortan miteinander wetteifern sollten. Im Laufe der Zeit gewöhnte man sich in der Familie an, die beiden Zweige mit der Kurzbezeichnung ihres jeweiligen Wohnortes "Alsterufer" und "Mittelweg" zu benennen. Das führte sogar so weit, daß die männlichen Familiennachkommen vom Alsterufer hinter ihre Vornamen ein S für Siegmund setzten, die vom Mittelweg ein M für Moritz Über Jahrzehnte tobte ein Streit darüber, welcher Anteil am Ruhm der Familie höher anzusetzen sei, derjenige der Alsterufer- oder derjenige der MittelwegWarburgs. Wechselnde Überlegenheit und eifersüchtige Rivalität haben aber dennoch nicht den Zusammenhalt der Familie über die Jahrzehnte gefährden können.

Der Aufstieg des Bankhauses Warburg fiel mit der Bismarckschen Reichsgründung zusammen und verlief parallel zum geradezu explosiven Wachstum der Weltwirtschaft. Industrie und Staat benötigten finanzielle Mittel, die das Bankhaus über das internationale Anleihengeschäft beschaffte. Max, der Zweitälteste Sohn von Moritz und Charlotte, der bereits in jungen Jahren in die Bank eingetreten war, verstand es mit seinem jüngeren Bruder Paul, der als ausgesprochenes Finanzgenie galt, MM Warburg & Co in die vorderste Reihe der deutschen Privatbanken zu führen. Max M. Warburg (1867 1946), eng befreundet mit Albert Ballin (beide wurden zu den sogenannten Kaiserjuden gerechnet), beriet zwar Wilhelm II , hatte aber nicht den Einfluß auf diesen wie etwa Gerson von Bleichröder auf Bismarck, den der Historiker Fritz Stern in seiner berühmten Doppel Biographie in all seinen Verästelungen und Verwicklungen so meisterhaft beschrieben hat. Eines der Geheimnisse für den Aufstieg des Hauses Warburg sieht Chernow in dem Phänomen der Internationalität, das diese Familie seit Generationen auszeichnet. Nicht wenige der Erfolge des Hauses sind dabei auf die Eheschließungen zurückzuführen, die zumeist nicht arrangiert waren, aber doch so zustande kamen, daß über die Grenzen hinweg Ehebande geknüpft wurden. Zwei der Söhne von Moritz Warburg zum Beispiel, Paul und Felix, heirateten in den Vereinigten Staaten. Felix nahm Frieda zur Frau, die Tochter des Banken TyCo ons JaCo b Schiff, und Paul heiratete Nina Loeb, die Tochter von dem aus Worms stammenden Salomon Loeb, der Schiff als Teilhaber in die Firma Kühn, Loeb & Co gebracht hatte. Das Bankhaus Warburg kam durch diese Ehen in Geschäftsverbindung mit der in New York ansässigen Firma Kühn, Loeb & Co, die durch Industriefinanzierungen und die Finanzierung des Eisenbahnbaus, insbesondere von Unternehmen wie der Chicago & Northwestern Railroad und der Pennsylvania Railroad, groß geworden war.

Der älteste Sohn von Moritz und Charlotte Warburg trat nicht in das Bankhaus ein, sondern entschied sich für die Wissenschaft. Aby M. Warburg (1866 1929), der Kunstgeschichte in Straäburg und Bonn studiert, eine Forschungsreise in die USA unternommen hatte und fünf Jahre lang am Deutschen Kunsthistorischen Institut in Florenz tätig war, ließ sich in Hamburg als Privatlehrer nieder. Seinem Bruder Max gegenüber hatte er erklärt, er sei bereit, ihm das Erstlingsrecht, also die Leitung der Bank, abzutreten, wenn dieser ihm verspreche, solange er lebe, alle Bücher zu kaufen, die er benötige. Dieser war damit einverstanden. Sie besiegelten die Vereinbarung mit einem Handschlag. Später bekannte Max, es ssi der einzige "Blankokredit" gewesen, den er in seinem Leben je ausgestellt habe - und das, so dachte er wohl insgeheim, ausgerechnet einem der leidenschaftlichsten und unverbesserlichsten Bibliophilen des 20. Jahrhunderts, der an keinem Buch vorbeigehen konnte, ohne den Wunsch zu haben, es in die Hand zu nehmen und besitzen zu wollen.