Außen. Villa, Hamburg. Nacht. Eine Männerstimme wendet sich an den Bundeskanzler. Ein Schuß fällt. Stille. Dann steht da: „Teil me lies“. Und eine Zahl, 12/1. Als sei’s ein Bibelzitat. Ist es aber nicht. Also: Wer war das?

Um es gleich zu verraten: „Rotwang muß weg!“ ist kein Film, über den sich eine richtige Kritik schreiben ließe. Zwar gibt es ein prominentes Mordopfer namens Sebastian Rotwang, Wirtschaftsbonze und Chef der „Cautio“ (die sich von der Treuhand nur durch den Namen unterscheidet), gespielt von einem weltberühmten deutschen Filmstar. Zwar gibt es hochmotivierte Täter zuhauf, mutmaßliche jedenfalls, RAF-Terroristen (Beate Finckh und Udo Kier), einen Stasi-Major (Klaus Bueb), einen BKA-Beamten (Horst Tomayer), eine eifersüchtige Industriellengattin (Sybill Norvak) und einen smarten Privatdetektiv (Heikko Deutschmann). Zwar gibt es Sex und Dinosaurier, Gesangseinlagen (Ulrich Tukur) und Spezialeffekte, Designer-Mode (Issey Miyake), Cameo-Auftritte, Kamera-Diven und prima Pointen, ideal zum Zitieren, bitte sehr: „Das Leben ist zu kurz, um sich schlecht anzuziehen.“

Aber für den Filmstar fehlte die Gage; also stirbt er vor Drehbeginn. Die Mörder können nicht schießen, die Schauspielerinnen verweigern die Nacktszenen, die Dinos sind bloß aus Plastik, Max Palu verirrt sich in den falschen Film, und als der eitelste Narziß entpuppt sich zuletzt der Regisseur. Was man ihm aber nicht verübeln mag, denn in „Rotwang“ fällt jeder aus der Rolle.

Hans-Christoph Blumenberg hat den Film gemacht, den keiner ihm bezahlt hätte, seinen eigentlich zwölften, aber auch den ersten dieser Art (soviel zur Zahlensymbolik): eine kleine, gemeine Politsatire und eine Farce auf das deutsche Filmförder-Unwesen dazu, als No-Budget-Produktion in zwölf Tagen für 390 000 DM ohne jegliche Fernsehbeteiligung gedreht.

„Die erste deutsche Rezessionskomödie“, nennt der Regisseur seinen Zelluloid-Bastard, „eine Art Piratenfilm“, denn „ein Eichinger macht noch keinen Sommer“. Während die wenigen deutschen Großproduzenten ihre Millionen in hausgemachten Mainstream investieren und das Autorenkino nicht müde wird, sein Ableben zu beklagen, hält Blumenberg fröhlich grinsend dagegen.

„Rotwang muß weg!“ klotzt für einen Kleckerbetrag und beweist mit dem Übermut der Verzweiflung, was alles möglich ist, wenn längst nichts mehr geht. Nicht nur, daß eine Handvoll Schauspieler, die als Talking Heads den Plot in die Kamera hineinsprechen, ausgestattet mit Klamotten von befreundeten Modeschöpfern, ein bißchen Kinderspielzeug, kalter Schinkenwurst, einem Tennisschläger und einem Laptop, Unterhaltung vom Feinsten bieten. Nein, diese „etwas andere Komödie“ (Eigenwerbung) verhandelt endlich jene brisanten nationalen Themen, die wir im Kino so schmerzlich vermissen. Die Treuhand-Stasi-BKA-Connection zum Beispiel. Oder den Zusammenhang zwischen MfS, DDR-Filmkunst und dem Video-Geschäft. Oder die Wahrheit über die RAF-Aussteiger. Oder die Frage, warum Sex im Kino immer so peinlich ist.

Blumenberg agiert als Verschwörungstheoretiker und als seine eigene konspirative Guerillatruppe dazu. Den aussichtslosen Kampf gegen die Mächtigen des Filmbusineß nimmt er mit deren eigenen Mitteln auf, schließlich kennt der Exkritiker seine Pappenheimer genau. Sage mir, wofür du kein Geld hast, und ich drehe es trotzdem. Der Held an der Seite von Politprominenz? Kein Problem, der Kanzler kriegt eine Nebenrolle. Ein Flug nach Übersee? Landkarte und Plastikflieger tun’s auch. Wenn alles nichts hilft, treten die kostengünstigen Maßnahmen des inneren Monologs, des Off-Kommentars und der Selbstbezichtigung in Kraft.