Von Franz Schuh

In seiner Heimat Österreich verfügt H.C. Artmann über eine Gemeinde. Die Gemeindemitglieder erkennt man daran, daß sie von Artmann abgekürzt sprechen. Sie sagen: "Der H.C.", und es klingt, als hätten sie durch Aussprechen des Kürzels tatsächlich eine Art Ehrendoktorwürde erlangt.

Ich gehöre zu anderen Gemeinden, und dementsprechend ist mir der Kult um Artmanns Person fremd. Ich weiß nur, daß man jedem Kult gegenüber, den man nicht versteht, besonders zartfühlend sein muß. Die Grenzen meiner Kulte sind die Grenzen meiner Welt.

H.C. Artmann hat mit Recht das Schönste von sich sagen können: "Meine heimat ist Österreich, mein Vaterland Europa, mein Wohnort Malmö", und einige Zeilen darunter die berühmte Bemerkung darüber, wie er seine Wirkung auf Fremde einschätzt: "ein brechmittel der linken, ein juckpulver der rechten."

Es ist merkwürdig, daß "die Linke" und "die Rechte" keineswegs verschwunden sind; bloß die Leidenschaft, mit der sie einst sogar intellektuelle Grenzen zogen, erscheint verblaßt. Das hat wenigstens den Vorteil, daß Artmann heute niemandes Brechmittel und niemandes Juckpulver mehr ist. Ist es ein Nachteil, wenn die Gereiztheit der stumpfen Alternative in das Gleichgültige einer generellen Anerkennung übergeht?

Beim Studium der Schriften Konrad Bayers ist der eine Satz über Artmann nicht zu überlesen: "Er war mir Anschauung, Beweis, daß die Existenz des Dichters möglich ist." H.C. Artmann war stets, und er ist es heute erst recht, ein großer Dichter. Ich nehme also die Gelegenheit zweier Erscheinungen wahr, um mir Klarheit darüber zu verschaffen, was denn "ein großer Dichter" sein mag: Von H.C. Artmann ist jüngst bei Residenz ein kleiner Band erschienen: "Register der Sommermonde und Wintersonnen", ein Band poetischer Prosa.

Zweitens aber hat Klaus Reichert in Zusammenarbeit mit dem Autor "Das poetische Werk" H.C. Artmanns in zehn Bänden herausgegeben. Diese poetische Werkausgabe ist ein herrliches Glasperlenspiel aus Bücherbänden; zwei Verlage haben daran gearbeitet: Rainer in Berlin und Klaus G. Renner in München und Salzburg.